
Theresia Kirschner stieß am Samstag bei einer Feier in der Haidsteiner Hütte mit acht Geschwistern und vielen weiteren Verwandten auf ihren Ehrentag an. Ihre 88 Jahre alte Mutter Agnes Tremmel, die in Rittsteig lebt, hätte um ein Haar nicht dabei sein können. Die Seniorin sitzt im Rollstuhl und ist auf ein Sauerstoffgerät angewiesen. Die Rettungssanitäter Mona Weiß und Rudi Stelzl ermöglichten ihr mit dem Herzenswunschmobil die Fahrt nach Chamerau und bescherten ihr fröhliche Stunden im Kreis ihrer Liebsten.
Von Frank Betthausen
Chamerau. Zu ihrem 60. Geburtstag hatte Theresia Kirschner einen sehnlichen Wunsch: Unter den Gästen sollte auch ihre 88 Jahre alte Mutter Agnes Tremmel sein.
Da die Seniorin aus Rittsteig (Marktgemeinde Neukirchen b. Hl. Blut) auf den Rollstuhl und ein Sauerstoffgerät angewiesen ist und eine Fahrt mit dem Privatauto für sie nicht mehr in Frage kam, sah Kirschner ihren Traum platzen… Bis sie im Internet auf das Herzenswunschmobil des BRK Cham stieß!
„Irgendwie muss es doch möglich sein, dass wir miteinander Geburtstag feiern. Ich hätte das nicht gekonnt – mit allen in einer Wirtschaft zu sitzen und Mama ganz allein daheim zu wissen.“
Mit diesen Worten beschreibt die 60-Jährige, die in Neukirchen aufgewachsen ist, seit vielen Jahren aber mit ihrem Mann und ihren beiden Töchtern im oberbayerischen Landkreis Ebersberg lebt, ihre Motivation, sich in einer E-Mail an stellvertretenden Rettungsdienstleiter Tobias Muhr zu wenden.
Das war wirklich top. Ich kann mich nur von ganzem Herzen für dieses Engagement bedanken.
Theresia Kirschner über den Einsatz von Mona Weiß und Rudi Stelzl
Er verantwortet das Projekt, mit dem ehrenamtliche Rot-Kreuz-Kräfte schwerstkranken Patienten oder Menschen in fordernden Lebensumständen Herzenswünsche erfüllen. Und: Er setzte wieder einmal sämtliche Hebel in Bewegung, um alle Beteiligten glücklich zu machen.
So holten die BRK-Mitarbeiter Mona Weiß und Rudi Stelzl Agnes Tremmel am vergangenen Samstag um 11 Uhr zu Hause ab. Mit ihrem rot-weißen Krankentransportwagen (KTW) begleiteten sie die alte Dame zur Feier ihrer Tochter in der Haidsteiner Hütte (Gemeinde Chamerau).
„Es hat alles super funktioniert. Es war wunderschön – und Mama mittendrin“, blickt Kirschner im Interview mit der BRK-Pressestelle auf ein Wochenende mit vielen Emotionen zurück.
Aus dem Ruhestand zurück
In Rudi und Mona habe ihre Familie zwei Goldstücke gefunden. „Das war wirklich top. Ich kann mich nur von ganzem Herzen für dieses Engagement bedanken“, sagt die Patentanwalts-Fachangestellte, die in einer Kanzlei in München tätig ist.
Was die beiden Rettungssanitäter am Samstag in ihrer Freizeit leisteten – für den besonderen Dienst bestieg Rudi Stelzl nach vier Jahren im Ruhestand zur Freude von Tobias Muhr und Mona Weiß wieder einmal einen KTW –, weiß Kirschner aus eigener Erfahrung heraus doppelt und dreifach zu schätzen.

Die Rittsteigerin, die in der Gemeinde Baiern ihre neue Heimat gefunden hat, ist seit fast 30 Jahren aktives Mitglied beim BRK-Kreisverband Ebersberg. Im Ehrenamt engagiert sie sich wie ihre Kinder in der Wasserwacht-Ortsgruppe Glonn-Kastensee und bringt sich dort regelmäßig in Wachdienste ein.
Dem Bayerischen Wald ist sie trotz der Entfernung treu geblieben. „Ich fahre sehr oft nach Hause, um meine Mutter zu besuchen und meine Geschwister bei der Pflege zu unterstützen“, erzählt sie.
Agnes Tremmel, die im August 89 Jahre alt wird, ist geistig topfit, kämpft aber seit rund drei Jahren mit körperlichen Einschränkungen. Die Witwe – ihr Mann war 2021 gestorben – sitzt im Rollstuhl und konnte das Haus seit mehr als zwölf Monaten nicht mehr verlassen.
Echter Zusammenhalt
In Rittsteig kümmern sich zwei ihrer Söhne, die mit ihr unter einem Dach leben, rührend um sie. Eine Tochter, die nebenan wohnt, ist ebenfalls jederzeit zur Stelle. Wie der Rest der Großfamilie! Tremmel hat neun Kinder zur Welt gebracht…
„Alle Geschwister helfen mit – auch wenn wir bis nach Nürnberg, Amberg und Oberbayern verstreut sind“, berichtet Kirschner. „Wir versuchen alle, uns abzuwechseln und Mama unter die Arme zu greifen.“
Für die seit wenigen Tagen 60 Jahre alte Wasserwachts-Aktive war immer klar, dass sie ihren runden Geburtstag mit einem großen Familienfest feiern möchte. Der Ort stand mit der Haidsteiner Hütte ebenfalls schnell fest. Nicht zuletzt, weil Wirtin Monika Geiger aus Rittsteig stammt und sich die beiden Frauen seit langem kennen…
Es war wunderbar, in dieser Runde dabei sein und einen so schönen Nachmittag verbringen zu können.
Agnes Tremmel
Dazu hat die Gastwirtschaft den Vorteil, dass sie per Auto zu erreichen ist. Die Räume sind ebenerdig und haben breite Türen. Nachdem mit den BRK-Verantwortlichen alle Absprachen getroffen worden waren, war angerichtet für ein fröhliches Miteinander…
Zum Beginn der Feier um 12 Uhr finden sich fast 50 Gäste an der Hütte ein – unter ihnen alle Kinder, elf der 14 Enkel und zwei der drei Urenkel von Agnes Tremmel, ihre einzige noch lebende Schwester Maria aus Regensburg, die Schwager und Schwägerinnen von Kirschner, deren Cousins und Cousinen…
Um 8 Uhr kam die Friseurin
Agnes Tremmel wird um 11 Uhr mit dem Herzenswunschmobil daheim abgeholt. Sie ist voller Vorfreude, hat sich schick angezogen und um 8 Uhr sogar noch Besuch von der Friseurin bekommen… Der Tag und das Wiedersehen mit ihrer Familie bedeuten ihr unglaublich viel.
Nicht nur die 88-Jährige wird mit großem Hallo am 750 Meter hohen Haidstein empfangen, Mona Weiß und Rudi Stelzl werden ebenso herzlich im Kreis der Familie aufgenommen – bei ihrer Ankunft in Rittsteig genauso wie in der Festgesellschaft in Chamerau.
„Wir sind direkt in die Mitte der Verwandtschaft an den Tisch geholt worden und waren zum Mittagessen eingeladen“, erzählt Weiß, die am Samstag die Gelegenheit nutzt, mit ihrem BRK-Kollegen die Wallfahrtskirche Sankt Ulrich auf dem Plateau unterhalb des Gipfelkreuzes zu besichtigen.

Ansonsten sind sie im Hintergrund für ihren Fahrgast da. „Agnes war selig, wir haben sie immer wieder beobachtet und gefragt, ob alles okay ist. Sie hat den ganzen Tag gegrinst wie ein kleines Kind und war unendlich froh, all das miterleben zu können. Ihr war anzusehen, wie gut ihr das getan hat und wie glücklich sie Kleinigkeiten gemacht haben“, gibt die Rettungssanitäterin ihre Eindrücke wieder.
Die emotionalsten Momente erlebt die Rot-Kreuz-Mitarbeiterin, als sich die Feier gegen 17 Uhr dem Ende entgegenneigt. Agnes Tremmel sitzt eine ganze Weile mit ihrer Schwester Maria beisammen – unter dem Tisch halten sich die Seniorinnen, die sich an diesem 18. Juli möglicherweise zum letzten Mal sehen, lange an den Händen. „Da sind mir fast die Tränen gekommen“, sagt Weiß.
Am Ende war sie sehr erschöpft
Die Mutter von Theresia Kirschner ist zu diesem Zeitpunkt sehr erschöpft. Der Tag hat sie Kraft gekostet. „Ich habe das ein wenig unterschätzt, wie anstrengend das für sie war mit ihren fast 89 – die vielen Leute, das Stimmengewirr, die Aufregung… Aber: Sie hat ausgehalten bis zum Schluss“, sagt ihre Tochter beeindruckt.
Dass die „Mühen“ gerechtfertigt waren, spüren auch Mona Weiß und Rudi Stelzl noch einmal intensiv. Als sie ihren Fahrgast nach Rittsteig zurückgebracht haben, nimmt Agnes Tremmel ihre Begleiter zum Abschied in den Arm und drückt sie fest.
Bei ihrer Tochter bedankt sie sich am nächsten Tag aus tiefster Seele für die gemeinsamen Stunden mit der Familie. „Es war wunderbar, in dieser Runde dabei sein und einen so schönen Nachmittag verbringen zu können“, sagt die Seniorin.