„Das war ein saugutes Gefühl – mega!“„Das war ein saugutes Gefühl – mega!“

„Das war ein saugutes Gefühl – mega!“

An einem Donnerstagabend im Juni sind Nina Böhm, Stefan Dums und Andy Leifeld mit ihrem Rettungswagen zu einem Einsatz in Runding unterwegs. In Windischbergerdorf rammt ein VW ihr Fahrzeug. Der Mercedes kippt um, die Kollegen sind eingeschlossen und durchleben Todesangst. Dank Markus Roider und Franz Lankes kommen sie frei und verrichten, obwohl sie selbst angeschlagen sind, noch ihre Arbeit an der Unfallstelle. In dieser Woche bedankte sich das Trio zusammen mit Rettungsdienstleiter Dominik Lommer bei den beiden Männern und allen anderen Ersthelfern aus dem Stadtteil für den engagierten Einsatz.

Von Frank Betthausen

Cham. Nina Böhm hat Todesangst. Der Rettungswagen, in dem die angehende Notfallsanitäterin als Beifahrerin gesessen hatte, liegt umgekippt auf der Straße in Windischbergerdorf. Als der Schock am größten ist und sie sich eingesperrt und hilflos fühlt, denkt die 24-Jährige nur noch eines: Gleich fängt das Fahrzeug Feuer und wir müssen verbrennen…

Es ist der 9. Juni 2022. Böhm ist mit ihren BRK-Kollegen Stefan Dums, der den Mercedes fährt, und Andy Leifeld, der hinten sitzt, mit Blaulicht und Martinshorn zu einem Einsatz nach Runding unterwegs.

„Was ist jetzt los?! Ein Unfall?! Ich bin doch nur in die Kurve gefahren.“ Stefan Dums, Notfallsanitäter

Auf der Hauptstraße in dem Chamer Stadtteil biegt Dums nach rechts Richtung Kammerdorf ab. Danach: für lange Sekunden Chaos und Orientierungslosigkeit! „Was ist jetzt los?! Ein Unfall?! Ich bin doch nur in die Kurve gefahren“, denkt sich der 33-Jährige.

Als wäre es in dieser Situation das Normalste der Welt, informiert er per Funk die Leitstelle in Regensburg. „Ich war total neben der Spur, aber auch total klar. Da funktioniert man intuitiv“, sagt er. Was genau geschehen ist, dass er nichts dafürkann und der Rettungswagen von hinten gerammt worden ist – von einem Autofahrer, der nach Angaben der Polizei extrem schnell unterwegs war –, das realisiert der Notfallsanitäter erst, als ihn wenige Minuten später Franz Lankes ins Bild setzt.

Er läuft geistesgegenwärtig los

Der Chamer will in der Nähe einen Freund abholen und beobachtet, während er vor dessen Haus wartet, den vorbeifahrenden Rettungswagen. Geistesgegenwärtig läuft er los, als das Scheppern und Krachen verklungen sind. Auch er sieht erst nur das Einsatzfahrzeug des BRK, ehe er sich einen Überblick verschafft und ihm der in den Unfall verwickelte VW auffällt.

Er klettert auf den Rettungswagen, der durch den wuchtigen Aufprall auf die linke Seite gefallen ist, öffnet die Beifahrertür, zieht Dums ins Freie und hilft ihm, sich zu orientieren. „Ich habe da nicht lang überlegt“, sagt Lankes an diesem Mittwochabend, als er nur ein paar Meter von der Unglücksstelle entfernt bei schönstem Juli-Sonnenschein zum ersten Mal wieder auf die drei Rot-Kreuz-Mitarbeiter trifft.

Dem Trio ist es ein Herzensanliegen, sich gemeinsam mit BRK-Rettungsdienstleiter Dominik Lommer bei Lankes und Markus Roider, der an dem verhängnisvollen Donnerstag ebenfalls als Ersthelfer zur Stelle war, für das Engagement an der Unfallstelle zu bedanken – stellvertretend für weitere Bürger aus Windischbergerdorf, die herbeieilten und der BRK-Mannschaft beistanden.

Sie alle taten das in einer Art und Weise, dass Andy Leifeld, der beim Roten Kreuz für die Bundeswehr seine Ausbildung zum Notfallsanitäter absolviert, sagt: „Das war unbeschreiblich.“ Die Abläufe vor Ort funktionierten nach seinen Worten so perfekt, dass es auf ihn im Nachhinein schon fast so wirkte, als wären sie abgesprochen gewesen. „Ihr habt alles dafür getan, uns da rauszuholen“, sagt der 23-Jährige. Und Stefan Dums ergänzt: „Das war ein saugutes Gefühl – mega!“

Markus Roider wohnt ganz in der Nähe und trifft am 9. Juni kurz nach Franz Lankes an dem verunglückten Rot-Kreuz-Fahrzeug ein, nachdem er die Unfallgeräusche gehört und die ersten Leute aus der Nachbarschaft hat herbeieilen sehen.

Zum Glück findet er den Nothammer

Auch er fackelt nicht lange und packt am Mercedes mit an. „Man denkt sich einfach: Was wäre, wenn ich selbst an dieser Stelle wäre“, sagt er. Durch das Fenster der Schiebetür, die sich nicht mehr öffnen lässt, hilft Roider Leifeld ins Freie.

Der Auszubildende hat sich mit seinem Kollegen Stefan Dums abgesprochen und fühlt sich imstande, sich um den schwerverletzten VW-Fahrer zu kümmern. Der 33-Jährige wiederum steigt ins Wageninnere zurück. Nina Böhm, das ist sein Eindruck, hat es schlimmer erwischt. Dums will ihr zur Seite stehen.

Seine Versuche, die Windschutzscheibe einzutreten und auf diesem Weg nach draußen zu gelangen, scheitern. Erst mit dem Nothammer, den er im Fahrzeug findet und mit dem er 20- bis 30-mal zuschlägt, gelingt es ihm, das Glas zum Bersten zu bringen. Als er die 24-Jährige hinausbegleitet, nehmen weitere Ersthelfer aus dem Dorf die Rettungsdienst-Mitarbeiter in Empfang.

Ein Umstand, der Dominik Lommer bis heute Respekt und ungläubiges Staunen abnötigt: Dums, Leifeld und Böhm bestehen im ersten Moment auf einem Ersatzfahrzeug und wollen ihre Schicht zu Ende fahren. Doch die Rettungsdienstleitung und die Kollegen, die mit großer Betroffenheit nach Windischbergerdorf eilen, wissen das zu verhindern. Das Trio kommt zur Behandlung ins Krankenhaus, darf aber bald wieder nach Hause.

„Man denkt sich einfach: Was wäre, wenn ich selbst an dieser Stelle wäre. Markus Roider, Ersthelfer

Dums und Leifeld sind, wie Lommer berichtet, „flott zurück im Dienst“. Nina Böhm benötigt eine längere Auszeit, um die Geschehnisse zu verarbeiten. „Ich habe die Zeit gebraucht daheim“, sagt sie.

Viele Telefonate mit Kollegen hätten ihr geholfen, über die Erlebnisse hinwegzukommen. An diesem Freitag kehrt sie in die Arbeit zurück und fährt ihre erste Nachtschicht. „Ich bin gespannt“, sagt sie. „Aber an sich geht es schon wieder gut.“

Das Berufsrisiko fährt immer mit

Es ist der Punkt des Gesprächs, an dem Dominik Lommer auf ein „gewisses Berufsrisiko“ hinweist, das die Tätigkeit im Rettungsdienst mit sich bringe. „Wir legen rund eine Million Kilometer pro Jahr zurück“, zeigt er auf.

Bei Fahrten mit Sonderrechten, mit Martinshorn und Blaulicht also, erhöhe sich das Unfallrisiko um das Achtfache. „Irgendwo muss man in diesem Metier lernen, damit umzugehen“, sagt er, wenngleich auch er weiß, dass es Erlebnisse und Zwischenfälle gibt, „die bleiben“.

Eine Botschaft, die er mit den Ereignissen in Windischbergerdorf verknüpft: Erste Hilfe, wie sie Lankes, Roider und andere Bürger aus dem Stadtteil geleistet haben, ist das A und O. „Das ist der wichtigste Teil der Rettungskette. Wir können nur noch darauf aufbauen“, betont er.

Ausgesprochen dankbar ist der Rettungsdienstleiter den Verantwortlichen des Rot-Kreuz-Kreisverbands Deggendorf, die ursprünglich über das „gut funktionierende Beschaffungssystem im Freistaat Bayern“, wie es Lommer formuliert, zum 25. Juli ein neues Fahrzeug für ihren Bestand erhalten hätten.

Doch die Kollegen aus Niederbayern sind bei der Auslieferung des Rettungswagens zurückgetreten, damit die durch den Unfall entstandene Lücke in der Kreisstadt geschlossen werden kann.

An dem Wagen der Rettungswache Cham war im Juni ein Schaden von rund 125 000 Euro entstanden. „Der RTW war neun Monate alt und war unser zweitneuestes Fahrzeug“, verdeutlicht Lommer.

Für Franz Lankes und Markus Roider hat er als Dankeschön für ihren Einsatz Schokolade, Kaffee und Erste-Hilfe-Gutscheine dabei. Nicht, weil die beiden sie nötig hätten oder im Ernstfall nicht wüssten, was zu tun sei. Vielmehr stellten die Coupons einen Wert und eine verdiente Anerkennung dar, betont Lommer, die als Signal für andere auch an Familienmitglieder oder Bekannte weitergereicht werden könne.

Eines der größten Komplimente macht am Ende des Termins Andy Leifeld den beiden entschlossenen Bürgern. „Man rechnet nicht damit, dass einem so professionell geholfen wird“, sagt er. „Ihr hättet euch auch eine orangefarbene Hose anziehen und weitermachen können.“