Die fieberhafte Suche nach Julia aus Berlin: Bayerns und Tschechiens Retter arbeiten Hand in HandDie fieberhafte Suche nach Julia aus Berlin: Bayerns und Tschechiens Retter arbeiten Hand in Hand

Die fieberhafte Suche nach Julia aus Berlin: Bayerns und Tschechiens Retter arbeiten Hand in Hand

Bis vor wenigen Jahren wäre das Mädchen, dessen Schicksal tagelang den Landkreis Cham bewegte, zur Behandlung in Tschechien geblieben oder in Furth im Wald an die Besatzung eines deutschen Rettungswagens übergeben worden. Am 12. Oktober rollte das tschechische Fahrzeug mit der Achtjährigen an Bord einfach über die Grenze bei Schafberg und steuerte auf direktem Weg die Notaufnahme einer bayerischen Klinik an. Dass dies heute möglich ist, hat entscheidend mit dem Kompetenz- und Koordinierungszentrum für den grenzüberschreitenden Rettungsdienst zwischen Bayern und der Tschechischen Republik am Rettungszentrum in Furth zu tun. Vor fünf Jahren nahm es seine Arbeit auf.

Von Frank Betthausen

Furth im Wald. Ein kleines Mädchen, das bei Eiseskälte zwei Nächte in der Wildnis am Čerchov verbringt und von 1400 Einsatzkräften fieberhaft auf beiden Seiten der Grenze gesucht wird… Wenn es noch ein Beispiel gebraucht hätte, um aufzuzeigen, wie wichtig die Zusammenarbeit der Rettungs- und Hilfsorganisationen auf tschechischer und deutscher Seite ist, dann war es der Fall der vermissten Julia aus Berlin, der am 12. Oktober ein glückliches Ende fand.

Der Grenzüberschreitende Rettungsdienst ermöglicht Interessenten wie Dominika Dirnová aus Pilsen (Mitte - mit Manfred Maurer und Tereza Homolková) Praktika in deutschen Rettungswachen.

„Wir haben einen Riesenschritt in die richtige Richtung gemacht.“ Projektleiter Manfred Maurer

Für Manfred Maurer, den Projektleiter des Grenzüberschreitenden Rettungsdiensts (Gü-RD) mit Sitz in Furth im Wald, war es „das Bild des Jahres“, als am frühen Nachmittag auf seinem Computer-Bildschirm das Symbol des tschechischen Rettungswagens (RTW) über die Grenze in den Landkreis Cham „hinüberwanderte“. An Bord: die Achtjährige, die kurz zuvor von einem Förster im Nachbarland entdeckt worden war.

Bis vor wenigen Jahren wäre Julia zur Behandlung in Tschechien geblieben oder am Grenzübergang an die Besatzung eines deutschen RTW übergeben worden. Mittlerweile rollt das Fahrzeug am Schafberg durch und steuert direkt die Notaufnahme einer bayerischen Klinik an.

Die Weichen dafür sind seit 2016 ganz maßgeblich im Kompetenz- und Koordinierungszentrum für den grenzüberschreitenden Rettungsdienst zwischen Bayern und der Tschechischen Republik am Rettungszentrum in Furth im Wald gestellt worden.

Mit der 26 Jahre alten Tereza Homolková arbeitet im Kompetenz- und Koordinierungszentrum eine Mitarbeiterin, die nahezu perfekt deutsch spricht und noch dazu als frühere Notfallsanitäterin der Further BRK-Rettungswache genau weiß, mit welchen Alltagsproblemen sie es zu tun hat.

Es bündelt – inzwischen über das zweite Interreg-Projekt, die vielzitierte Gemeinschaftsinitiative des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung – die Kompetenzen und Interessen aller Rettungsdienste im Grenzgürtel zu Tschechien, der acht Landkreise und 25 Rettungswachen umfasst. In Tschechien erstreckt sich das Gebiet über die Bezirke Pilsen, Karlsbad und Südböhmen.

Wo einst Gesetzesvorschriften, Sprachbarrieren und Sachzwänge der „grenzenlosen Hilfe" im Weg standen, sind die Retter eng zusammengerückt – von Hof im Norden bis Freyung-Grafenau im Südosten.

„Wir liegen, europäisch betrachtet, an der jüngsten Grenze – aber auch an der, an der die Zusammenarbeit am weitesten fortgeschritten ist und am besten funktioniert“, sagt Manfred Maurer, der im September 2018 seinen Posten in der Drachenstich-Stadt übernommen hatte.

Sein Fazit der vergangenen fünf Jahre, in denen es dicke Bretter zu bohren galt – Projektpartner sind derzeit das Bayerische Rote Kreuz mit dem Kreisverband Cham und der Landesgeschäftsstelle in München sowie der Rettungsdienst Pilsen –, fällt eindeutig aus: „Wir haben einen Riesenschritt in die richtige Richtung gemacht.“

Einen Quantensprung bedeutete das Anfang 2019 eingeführte Kommunikationstool Babylon2, das Josef Trefil, ein Mitarbeiter der Leitstelle in Pilsen, in seiner Freizeit programmierte; jene Software, die Manfred Maurer am 12. Oktober den tschechischen RTW anzeigte, der die eineinhalb Tage verschollene Julia nach Bayern brachte.

Für Babylon2 sind alle Fahrzeuge auf beiden Seiten der 357 Kilometer langen Grenze im Zuständigkeitsgebiet mit einem Tracker versehen worden, über den permanent ihr Standort angezeigt wird – auch den Disponenten in den Leitstellen. Seit der Einführung des Systems sind damit etwa 500 Einsätze abgearbeitet worden.

„Bis vor zwei Jahren“, verdeutlicht Maurer, bis zu seinem Wechsel nach Furth Rettungsdienstleiter in Tirschenreuth, „kommunizierten die Leitstellen noch über zweisprachige Faxe“. Jetzt sei mit Babylon2, das die erste Interreg-Projektphase beschloss, ein enger Austausch möglich. Auch Patienten können über das Programm in den angebundenen Kliniken angemeldet werden. Wenig verwunderlich also, dass es für die Software längst diverse Anfragen gibt – etwa aus dem deutsch-französischen Grenzraum. Maurer: „Du musst letztlich nur einmal die Sprache übersetzen, dann kannst du über Babylon2 mit jedem Land der Welt kommunizieren."

„Das ist gelebtes Europa“, sagt BRK-Präsident Theo Zellner über die Arbeit von Tereza Homolková und Manfred Maurer, die sie von Furth im Wald aus leisten.

„Du musst letztlich nur einmal die Sprache übersetzen, dann kannst du über Babylon2 mit jedem Land der Welt kommunizieren.“ Projektleiter Manfred Maurer

Auch im Further Rettungszentrum hat sich in Sachen Zweisprachigkeit viel getan. Mit Maurers Stellvertreterin Tereza Homolková aus Bor arbeitet dort seit eineinviertel Jahren eine Mitarbeiterin, die nahezu perfekt deutsch spricht und noch dazu als frühere Notfallsanitäterin der Further BRK-Rettungswache genau weiß, mit welchen Alltagsproblemen sie es zu tun hat. Die 26-Jährige war eine der Ersten, deren Ausbildung in Deutschland anerkannt wurde.

Ein Thema, das Maurer während der ersten Projektphase besonders beschäftigte! Denn: Während der Notfallsanitäter in Homolkovás Heimatland ein Studiengang ist, firmiert er in Bayern als dreijähriger Ausbildungsberuf. „Wir mussten uns rantasten und über Rahmenbedingungen juristische Grundlagen schaffen“, erinnert sich Maurer. Dazu kam jede Menge weiterer Arbeit an der Basis…

Das Kompetenz- und Koordinierungszentrum für den grenzüberschreitenden Rettungsdienst zwischen Bayern und der Tschechischen Republik hat seinen Sitz im Rettungszentrum in Furth im Wald.

Es mussten Kontakte zu Krankenhäusern hergestellt und Abrechnungsfragen geklärt werden. Das Thema Rückholtransporte war zu organisieren; außerdem Werkzeuge, „mit denen wir anfängliche Kommunikationsprobleme in den Griff bekommen konnten“, wie der 50-Jährige erklärt. Eines der Glanzlichter war ein zweisprachiges „Praxiswörterbuch Rettungsdienst“, das genau in die Hosentaschen der Mitarbeiter passt, die draußen im Einsatz sind. 

Überhaupt sind die Automatismen dank des Projekts inzwischen andere. Kollabiert ein tschechischer Pendler im Raum Furth, kann er heute wie selbstverständlich von einem deutschen RTW ins Krankenhaus nach Domažlice gefahren werden; gerade, weil es näher liegt als die Klinik in Cham.

Oder umgekehrt! Stellen die tschechischen Retter auf ihrem Hoheitsgebiet – das im Übrigen immer maßgeblich ist und das es zu respektieren gilt – fest, dass sie es mit einem deutschen Patienten zu tun haben, ist es mittlerweile sehr wohl denkbar, dass ein Fahrzeug aus Bayern angefordert wird, um ihn abzuholen.

Nichtsdestotrotz wird es noch eine ganze Weile ein Traum von Homolková und Maurer bleiben – mit Daniela Owerdieck steht ihnen eine Team-Assistentin in der Verwaltung zur Verfügung –, dass Patienten, je nach Auslastung und Situation, von Haus aus in eine Klinik im Nachbarland gebracht werden.

„Sowohl die deutschen als auch die tschechischen Bürger fühlen sich bisher in einem Krankenhaus, in dem keiner ihre Muttersprache spricht, nicht sicher und gut aufgehoben“, sagt Homolková. Ihr Projektleiter macht neben einer Reihe an logistischen Problemen, die diese Vision erschweren, „ganz klar noch eine Grenze in den Köpfen der Menschen“ aus.

„Das ist gelebtes Europa.“ BRK-Präsident Theo Zellner

Die politische Unterstützung, das betont er, sei riesengroß. „Das ist gelebtes Europa“, sagt auch BRK-Präsident und Kreisvorsitzender Theo Zellner, dem die Kooperation an der Grenze seit dem ersten Tag eine Herzensangelegenheit war und der sich stets mit Nachdruck dafür eingesetzt hatte, die entsprechenden Strukturen in Furth im Wald zu schaffen.

Nicht ohne Grund war der Grenzüberschreitende Rettungsdienst schon Thema in der Bayerischen Vertretung in Brüssel. Und: Manfred Maurers Erfahrungen sind regelmäßig auch in Arbeitsgruppen zur Kooperation mit anderen Nachbarländern gefragt – etwa in der Zusammenarbeit mit Polen.

Daniela Owerdieck arbeitet als Team-Assistentin in der Verwaltung.

Die zweite Projektphase, die Ende 2022 ausläuft, orientiert sich nach seinen Worten zu 98 Prozent an der Praxis. Dabei wird nicht zuletzt an Feinheiten gefeilt, „um die Arbeit vor Ort zu verbessern“. Und wenn es nur um Details wie Zugangscodes geht, mit denen ein tschechisches RTW-Team nachts an einer ostbayerischen Klinik eine Schranke öffnen kann…

Darüber hinaus? Werden tschechischen Interessenten wie Dominika Dirnová aus Pilsen dreimonatige Praktika in deutschen Rettungswachen ermöglicht. Kleinübungen stehen auf der Agenda – und auch an der Kommunikation wird weiter nachjustiert.

„Wir mussten uns rantasten und über Rahmenbedingungen juristische Grundlagen schaffen“, blickt Projektleiter Manfred Maurer auf die Anfänge der Arbeit in Furth im Wald zurück. 

So ist auf die NIDApads, die dem Austausch von Einsatzdetails zwischen Leitstelle und Rettungswagen-Crew dienen, eine Feedback-App aufgespielt worden. Über sie haben Mitarbeiter – der Probeversuch läuft im Moment beim BRK-Kreisverband Cham – die Möglichkeit, Anfahrtswege zu Krankenhäusern genauso zu bewerten wie die Aufnahme durch das Personal.

„Wir arbeiten mit fast allem, was wir haben, daran, dass uns die Krankenkassen die Koordinierungsstelle ab Ende nächsten Jahres voll finanzieren“, blickt Manfred Maurer dem Abschluss des Projekts entgegen. Theo Zellner weiß er an seiner Seite. Der BRK-Präsident führt bereits Gespräche mit Entscheidungsträgern, bei denen es um die Frage geht, „wie wir den Grenzüberschreitenden Rettungsdienst mit Hilfe des Staates und der Kostenträger über 2022 hinaus auf Dauer absichern können".

Beide Beteiligten werden nicht müde, zu betonen, dass die Erfolge der vergangenen Jahre eine große Gemeinschaftsleistung waren – auch auf deutscher Seite. „Wir agieren hier in Furth im Wald nicht nur als BRK, sondern vertreten auch die Arbeitsgemeinschaft Grenze“, erklärt Manfred Maurer.

In der ARGE haben sich das Rote Kreuz, die Johanniter Unfallhilfe Bayern und der Malteser Hilfsdienst zusammengetan, „um eine qualifizierte Notfallrettung für die Bevölkerung sicherzustellen“.

Sie alle füllen den europäischen Gedanken mit Leben – und retten Leben! In Tschechien genauso wie in Deutschland. Auch Julias Eltern haben diese freudige Gewissheit mit nach Berlin genommen…