Eine besondere Familien-Geschichte: Fünfmal Pflege – fünfmal BRKEine besondere Familien-Geschichte: Fünfmal Pflege – fünfmal BRK

Eine besondere Familien-Geschichte: Fünfmal Pflege – fünfmal BRK

Ulrike und Christian Lankes, ihre Tochter Selina, ihr Sohn Fabian und ihre Schwiegertochter Selina leben und lieben Pflege im Fünferpack. Wer seine Klischees über den Beruf loswerden möchte, ist bei den Familienmitgliedern genau richtig. Dass alle diese Laufbahn eingeschlagen haben und sich heute als hauptamtliche Rot-Kreuz-Mitarbeiter nach zum Teil spannenden Jobwechseln nichts anderes mehr vorstellen können, hat ganz wesentlich mit Ulrike zu tun.

Von Frank Betthausen

Cham. Bei Ulrike und Christian, ihrer Tochter Selina, ihrem Sohn Fabian und ihrer Schwiegertochter Selina bleibt Pflege in der Familie. Alle fünf haben in dem Beruf ihre Berufung gefunden – zum Teil nach interessanten Quereinstiegen. Und: Alle fünf arbeiten – eine absolute Besonderheit – hauptamtlich beim BRK-Kreisverband Cham! Wer sich mit ihnen unterhält, hört aus nahezu jedem ihrer Sätze ansteckende Begeisterung für die Pflege heraus. Ja, wer bei dem Thema seine Vorurteile über Bord werfen möchte, sollte Ulrike, Christian, Fabian und die beiden Selinas auf einen Kaffee einladen – und gut zuhören.

„Ich habe meinen Traumjob gefunden. Dieser Beruf ist so unglaublich vielseitig“, sagt Christian Lankes. Der 53-Jährige ist im dritten Lehrjahr zum Pflegefachmann und arbeitet derzeit im Team der Ambulanten Pflege. Bis zu seinem Wechsel zum Roten Kreuz war er bei einer Elektrotechnik-Firma tätig.

„Ich habe meinen Traumjob gefunden. Dieser Beruf ist so unglaublich vielseitig.“ Christian Lankes

Weil er Harz und Dämpfe nicht mehr vertrug und ein halbes Jahr mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hatte, entschied sich der Zandter 2020, mitten im ersten Corona-Jahr, beruflich neu anzufangen.

Den Weg hatte ihm seine Frau Ulrike geebnet, die seit 2011 in Diensten des Roten Kreuzes steht. Als Mitarbeiterin der Ambulanten Dienste hatte sie ihn zu einer Tour mitgenommen und ihn so sehr für ihren Beruf begeistert, dass er kurz darauf seine Pflegehelfer-Ausbildung absolvierte und als 450-Euro-Kraft beim BRK weiter in die Branche hineinschnupperte.

„Ich wollte damals schauen, ob ich das überhaupt machen kann, es ist ja doch etwas komplett anderes“, sagt er. Doch: Sehr bald stand für ihn fest, wohin ihn sein Weg führen soll. Heute – gut zwei Jahre später – weiß er, dass er den richtigen Entschluss gefasst hat. „Ich habe es nie bereut“, meint der angehende Pflegefachmann.

Er will den Menschen nichts vormachen

Es ist der Punkt des Gesprächs, an dem sich seine Partnerin einklinkt. „D Leit han stocknarrisch mit eam, da kannst fei neidig wern“, sagt Ulrike Lankes und bescheinigt ihm auch in ihrer Funktion als Praxisanleiterin „großen Charme“. Vor den Klienten strahle Christian viel Ruhe aus.

„Mei“, entgegnet der lebenserfahrene Auszubildende, „ich bin halt normal. Ich unterhalt’ mich mit den Leuten und schmatz’ einfach.“ Den Menschen nichts vorzumachen und gelassen zu bleiben, egal, was auch komme, darin liegt für ihn die Kunst…

Einer, der das genauso beherrscht, ist sein Sohn Fabian. Der 24-Jährige hat durch diverse Presseberichte, in denen es um seine Kleinwüchsigkeit und seinen hart erkämpften Traum von einem Auto ging, regionale Bekanntheit erlangt. Wie seine Eltern kommt er ins Schwärmen, wenn er von seiner Tätigkeit in der Ambulanten Pflege erzählt. „Die Dankbarkeit der Menschen – das ist der Wahnsinn“, sagt er.

Der junge Mann, der mit seiner Frau Selina in Cham wohnt, hat vor gut einem Jahr beim BRK Fuß gefasst. Nach der einjährigen Pflegeausbildung beim Roten Kreuz in Zandt hatte er bei einem privaten Träger das Dreijährige nachgeschoben und in einer weiteren Einrichtung erste Berufserfahrungen gesammelt.

Das Soziale hatte ihm immer gelegen – schon in seiner Schulzeit. Als auch er vor einigen Jahren seine Mutter probeweise zu Klienten mitbegleitete und die ersten zwölf Monate beim BRK seine Freude für den Job endgültig weckten, war klar, welche Richtung er einschlagen möchte.

„Ich könnte vor keiner Maschine sitzen. Für kein Geld der Welt würde ich etwas anderes machen“, sagt der 24-jährige, der sich gerade zum Praxisanleiter fortbildet.

Seine Körpergröße von 1,47 Metern ist für den Chamer kein Hindernis im Dienst – und auch kein interviewfüllendes Thema. Fabian kommt im Job bestens klar. Sein einziges Hilfsmittel ist seine Kraft. „Die Leute draußen erleben das als ganz normal, wenn ich zu ihnen komme“, erzählt er.

Seine Frau Selina – die beiden haben im August 2021 geheiratet – ist wie ihr Mann und ihr Schwiegervater ebenfalls von Ulrike Lankes fürs BRK „verhaftet“ worden. Als Schülerin hatte die 20-Jährige zwar bereits erste Pflege-Praktika im Altenheim und im Krankenhaus absolviert, sich dann aber für eine Ausbildung zur Friseurin entschieden. Im zweiten Jahr brach sie ab…

„Du wirst ihre Bezugsperson“

Ihr fehlte das Persönliche, das für sie – aktuell ist sie im BRK-Senioren-Wohn- und Pflegeheim Waldmünchen im zweiten Lehrjahr zur Pflegefachfrau im Einsatz – ihren neuen Job ausmacht. „Du siehst deine Bewohner jeden Tag. Sie erzählen dir aus ihrem Leben, Du wirst ihre Bezugsperson“, schildert die 20-Jährige ihre Erfahrungen.

Eine Einschätzung, die ihre Schwiegermutter teilt. „Du musst mit Leib und Seele dabei sein – mit ganzem Herzen!“, sagt sie über ihre Einstellung zum Pflegeberuf, der von Anfang an ihre erste Wahl gewesen war. Den Grundstein dafür hatte sie 1988/1989 gelegt, als sie an der ehemaligen Hauswirtschaftsschule des Klosters Strahlfeld eine einjährige Ausbildung abschloss.

Nach einem vierjährigen Gastspiel in einer stationären Pflege-Einrichtung widmete sie sich dem Familienleben und der Kindererziehung. 2011 kehrte sie beim BRK in den Beruf zurück. Bis 2013 arbeitete sie als Pflegehelferin, danach schloss sie die seltenere vierjährige Pflegeausbildung an.

„Ich könnte mir nichts anderes vorstellen“, sagt sie – und räumt entschlossen mit gängigen Klischees auf. „Für viele ist das immer noch Hintern ausputzen. Aber das ist so viel mehr: Gespräche führen, Medikamente ausgeben…“ Allein das Lächeln in der Früh und Sätze wie „Schön, dass Du da bist, die Sonne geht auf!“ seien alle Mühen wert, sagt die 50-Jährige.

Warum es ihr bei der Berufswahl mittlerweile die ganze Familie gleichgetan hat, dafür hat sie keine rechte Erklärung. Liegt es vielleicht doch an ihren lebendigen, authentischen Schilderungen?

„Ich könnte vor keiner Maschine sitzen. Für kein Geld der Welt würde ich etwas anderes machen. Fabian Lankes

„Keine Ahnung!“, meint sie und lacht. „Die sind mir einfach alle gefolgt. Ich glaube, wir sind alle irgendwie sozial eingestellt.“

Eine Aussage, die auf ihre Tochter Selina definitiv zutrifft. Wie ihr Vater Christian und ihre Schwägerin Selina drehte sie erst einmal eine andere berufliche Schleife, ehe sie die Arbeit fand, die sie wirklich erfüllt. Die 18-Jährige hat vor zweieinhalb Monaten – derzeit ist sie im BRK-Pflegezentrum Furth im Wald im Dienst – ihre Ausbildung zur Pflegefachfrau begonnen.

Im Gegensatz zu allen anderen wäre es für sie nach der fast schon obligatorischen „ambulanten Probetour“ mit ihrer Mutter, die sie in der siebten Klasse bei einem Praktikum absolvierte, fast vorbei gewesen. „Nein, das möchte ich nicht, das schaffe ich nicht“, hatte sie sich damals gesagt und war nach der Schule erst einmal mit einer Lehre zur Einzelhandelskauffrau durchgestartet.

Die Angst vor dem Thema Tod hat sich gelegt

Aber allem Anschein nach machten die Gespräche zu Hause am Essenstisch und die Monate, die ins Land zogen, doch etwas mit ihr. Plötzlich – mit der abgeschlossenen kaufmännischen Ausbildung in der Tasche – rückte der Beruf ihrer Eltern für sie in den Fokus. Befeuert von Elisabeth Nachreiner, der Pflegedienstleiterin in Furth im Wald, die ihr die stationäre Tätigkeit schmackhaft machte, sprang sie im Sommer „ins kalte Wasser“.

Und zwar richtig! Am 5. Juli hatte sie mündliche Abschlussprüfung, am 7. ging sie als Pflegehilfskraft in der BRK-Einrichtung in Furth im Wald über die Türschwelle, im Spätsommer begann ihre Ausbildung... „Ich hatte zwar anfangs etwas Angst vor dem Thema Tod“, sagt sie. Doch das habe sich gelegt – und die Arbeit gefalle ihr wirklich gut. Was die Pflege für sie ausmacht? „Die Dankbarkeit!“, sagt sie.

Die  vier anderen lächeln und nicken zustimmend. Bei Ulrike und Christian, ihrer Tochter Selina, ihrem Sohn Fabian und ihrer Schwiegertochter Selina ist Pflege halt einfach Familiensache…