Eine Einsatzlage, die jederzeit Realität werden kann

Frank Betthausen
Die Übung lief in zwei Parallelstrukturen ab. Die bayerischen Einsatzkräfte versorgten und begleiteten einen der beiden Patienten, die Kollegen aus Tschechien den anderen.

Bei einer grenzüberschreitenden Großübung am Krankenhaus in Domažlice bekommen es BRK-Kräfte mit einem Patienten zu tun, der sich möglicherweise mit einem hochinfektiösen Virus angesteckt hat. Der Mann wird unter strengsten Schutzvorkehrungen übernommen und mit einem Spezial-Rettungswagen an die Universitätsklinik Bulovka in Prag verlegt.

Von Frank Betthausen

Domažlice. Zwei Patienten lassen sich selbst ins Krankenhaus in Domažlice einweisen. Bei Untersuchungen stellt sich heraus: Sie tragen möglicherweise einen hochansteckenden Virus in sich und müssen dringend in die Universitätsklinik Bulovka in Prag verlegt werden. Da die beiden Männer durch die Schwere ihrer Erkrankung ein großes Risiko für ihre Umwelt darstellen könnten, braucht es für den Transport Spezialkräfte.

Das BRK erreicht ein Hilfeersuchen der tschechischen Behörden, die nur für einen der Betroffenen Kapazitäten haben. So wird der Fachdienst CBRN(E) aktiv und bricht mit 16 Ehrenamtlichen – sie sind auf Notfälle mit chemischen, biologischen, radiologischen, nuklearen und explosiven Substanzen spezialisiert – ins Nachbarland auf.

Zehn der Aktiven stammen aus den Reihen des BRK-Kreisverbands Cham, vier aus Straubing-Bogen und zwei aus Fürth. Gemeinsam mit der Polizei, der Feuerwehr und Einsatzkräften des Rettungsdienstes der Region Pilsen (ZZSPK) – mehr als 100 Beteiligte wirken an den Geschehnissen mit – trainieren sie in Domažlice am Mittwoch für eine Lage, die in dieser Form jederzeit Realität werden könnte.

 Wenn während der Fahrt ein Notfall auftritt oder ein technischer Defekt, dann ist der Gerätewagen mit Besatzung gleich dahinter und kann unterstützend eingreifen. 

Landesfachdienstleiter Tobias Muhr

Die Übung über Ländergrenzen hinweg ist die erste, die in dieser Form stattfindet. Ziel der Initiatoren ist es nicht nur, die Zusammenarbeit zwischen den Organisationen in Rettungsdienst- und Katastrophenschutzfragen weiter zu stärken. Die Planer wollen auch analysieren, wo die Unterschiede in den Systemen und der Vorgehensweise auf tschechischer und auf deutscher Seite liegen.

Dazu wird am Mittwoch in Parallelstrukturen gearbeitet – einer der Männer wird vom ZZSPK versorgt, einer vom Bayerischen Roten Kreuz.

Eine besondere Rolle kommt dabei dem Fachdienst CBRN(E) der Bereitschaften mit seiner 2014 gegründeten Task Force HoKo (Hochkontamination) zu. Sie ist dafür ausgestattet, die Isolation und Transportunterstützung bei hochkontagiösen Patienten oder entsprechenden Verdachtsfällen zu gewährleisten.

„Dafür gibt es ein eigenes Konzept, wie Betroffene aus einer Klinik oder einer Wohnung ausgeschleust werden, um sie danach an einen Rettungswagen mit einem sogenannten IsoArk, einem Transportbehältnis für hochinfektiöse Patienten, zu übergeben“, erläutert Landesfachdienstleiter Tobias Muhr, der als einer der Übungsleiter fungiert.

Frank Betthausen
16 BRK-Spezialisten des Fachdienstes CBRN(E) nahmen an der Übung in Tschechien teil. Mit auf dem Bild: BRK-Bezirksbereitschaftsleiter Dieter Hauenstein (links), Landesfachdienstleiter Tobias Muhr (2. von links) und Tereza Homolková (3. von links), stellvertretende Projektleiterin des Grenzüberschreitenden Rettungsdienstes mit Sitz in Furth im Wald

Abgewickelt werden die Spezialtransporte durch die Einsatz-Einheit CBRN(E) – unterstützt von den Angehörigen der Task Force HoKo. In Domažlice kommt die Rolle den beiden Rot-Kreuz-Mitarbeitern aus Fürth zu. Der dortige Kreisverband verfügt über einen speziellen CBRN(E)-Rettungswagen (RTW), mit dem einer der beiden Erkrankten in die tschechische Hauptstadt gebracht wird – begleitet von der Besatzung des Gerätewagens CBRN(E) aus Straubing.

„Wenn während der Fahrt ein Notfall auftritt oder ein technischer Defekt, dann ist der Gerätewagen mit Besatzung gleich dahinter und kann unterstützend eingreifen – etwa Dekontamination leisten“, verdeutlicht Muhr. Das sei eine Backup-Lösung für die lange Fahrt. 

Das Risiko ist extrem hoch

Denn: Anders als bei einer normalen Erkrankung sei es in Fällen wie dem in Domažlice dargestellten so, dass die Umwelt dringend vor dem Patienten geschützt werden müsse. Das Risiko für eine Ausbreitung sei enorm groß.

Ehe die RTW-Crew ihre Mission erfüllen kann, sind allerdings erst einmal die Aktiven aus Cham und Straubing gefordert. Nach der Alarmierung und dem Eintreffen am Krankenhaus bauen sie vor dem Haupteingang einen Desinfektionsplatz auf. 

Weitere Kräfte ziehen sich ihre flüssigkeitsdichten Schutzanzüge über, um in Zweier-Teams die abgesperrte Klinik betreten, den Erkrankten begutachten und mit dem IsoArk ins Freie begleiten zu können.

 Aus GüRD-Sicht ist es sehr wichtig, solche Übungen abzuhalten, weil wir so sehen, in welchen Lagen wir uns wirklich helfen können. 

Tereza Homolková, stellvertretende Projektleiterin des Grenzüberschreitenden Rettungsdienstes

Als auch die tschechischen Kollegen den von ihnen betreuten Betroffenen sicher in ihrem Rettungswagen untergebracht haben, setzt sich ein von der Polizei eskortierter Konvoi mit Blaulicht Richtung Prag in Bewegung.

„An der Universitätsklinik Bulovka befindet sich das Zentrum, in dem Patienten wie die beiden Männer aufgenommen und versorgt werden. Ähnlich wie bei uns in Bayern, wo wir bis nach München fahren würden, sind auch in Tschechien in diesen Spezialfällen die Wege weit“, erklärt Tobias Muhr. 

Vor diesem Hintergrund sollten nach seinen Worten der gut zweitstündige Transport und die Übergabe an das medizinische Personal ebenfalls unter möglichst realistischen Bedingungen durchgespielt werden.

Für die Übersetzung und die schnelle Kommunikation zwischen den Einsatzpartnern zeichnet den gesamten Vormittag über Tereza Homolková verantwortlich. Die stellvertretende Projektleiterin des Grenzüberschreitenden Rettungsdienstes (GüRD) mit Sitz in Furth im Wald war über Monate hinweg an verantwortlicher Stelle in die Vorbereitung der Großübung involviert.

Frank Betthausen
Jeder Handgriff muss sitzen: Extreme Gefahrenlagen wie die in Domažlice simulierte erfordern große Genauigkeit – auch und ganz besonders beim Anlegen der flüssigkeitsdichten Schutzanzüge.

„Es ist super gelaufen. Ich war sehr zufrieden mit den Abläufen in Domažlice“, hält sie in ihrem Fazit fest, das sie zieht, während der Konvoi noch Richtung Prag unterwegs ist. Die Verständigung zwischen dem deutschen und dem tschechischen Einsatzleiter habe einwandfrei geklappt. 

„Aus GüRD-Sicht ist es sehr wichtig, solche Übungen abzuhalten, weil wir so sehen, in welchen Lagen wir uns wirklich helfen können. Eine Situation wie die am Mittwoch erleben wir nicht jeden Tag – und es ist entscheidend, zu wissen, dass wir hier kompatibel sind, selbst wenn es Unterschiede in den Systemen gibt“, betont Homolková.

Abläufe in Echtzeit

Hochzufrieden äußert sich auch Tobias Muhr. „Das war eine hervorragende Leistung aller Übungsteilnehmer“, meint er. Das realistische Szenario sei in Echtzeit abgelaufen und sehr diszipliniert abgearbeitet worden.

Ähnlich erleben es über eineinhalb Stunden hinweg die Ehrengäste, für die das Geschehen über mehrere Kameras und Drohnen live in die Cafeteria des Krankenhauses übertragen wird – moderiert von Tobias Muhr. 

Unter den Beobachtern sind unter anderem Martin Ibrom, BRK-Katastrophenschutzbeauftragter aus der Landesgeschäftsstelle in München, BRK-Bezirksbereitschaftsleiter Dieter Hauenstein, Dr. Hans Schneider, der stellvertretende BRK-Kreisvorsitzende aus Cham, Kreisgeschäftsführer Manfred Aschenbrenner, Rettungsdienstleiter Dominik Lommer und GüRD-Projektleiter Manfred Maurer.