Fisch und Hausmüll im Kleider-ContainerFisch und Hausmüll im Kleider-Container

Fisch und Hausmüll im Kleider-Container

Das BRK Cham unterstützt eine bayernweite Qualitäts-Initiative. Es klingt hart: Aber wenn Oliver Schien, Prokurist der Textilrecyclingfirma FWS aus Bremen, und Referatsleiter Stefan Raab von dem erzählen, was sich beim Ausleeren heutzutage alles in Kleider-Contrainern findet, kommen Zweifel am Verstand mancher Anlieferer auf.

Von Frank Betthausen

Cham. Bauschutt im Altkleider-Container? Farbeimer zwischen losen, kaputten Schuhen? Verdreckte Wäsche vom letzten Ölwechsel mitten unter Bettbezügen? Das kommt vor? Ja, mittlerweile viel zu oft. Und wer glaubt, das sei schon alles, sollte sich einmal mit Oliver Schien unterhalten. Er ist Prokurist der Textilrecyclingfirma FWS GmbH aus Bremen, die als zertifizierter Partner bei der Weiterverarbeitung der Kleiderspenden mit dem Roten Kreuz zusammenarbeitet. Er berichtet sogar von Fischresten, die Angler auf dem Nachhauseweg dreist in Containern für Gebrauchttextilien entsorgen. Oder von Hausmüll, den die Leute hinter die Einwurfklappe stopfen, weil zu Hause die Tonne überquillt…

Obwohl klar geregelt ist, welche Textilien abgegeben werden dürfen und welche nicht, erleben die BRK-Verantwortlichen die größten Überraschungen, wenn die Kleider-Container geleert werden.

„Ihr könnt das anliefern, was Ihr eurem Freund guten Gewissens als Sachspende übergeben könntet.“ Oliver Schien, Prokurist der Textilrecyclingfirma FWS GmbH

Auch in der Region – davon kann BRK-Referatsleiter Stefan Raab von der BRK-Kreisgeschäftsstelle ein Lied singen – häufen sich die Fälle, in denen die Behältnisse am Straßenrand oder auf Parkplätzen frech zwecktentfremdet werden, um Abfall und Sperrmüll loszuwerden. Das Chamer BRK beteiligt sich deswegen an einer Qualitätsoffensive, mit der Kreisverbände bayernweit auf die Problematik hinweisen wollen.

Die Aktion in den sozialen Medien soll die Menschen dafür sensibilisieren, dass sie nur das in den Kleidercontainer werfen, was auch wirklich benötigt wird und weiterverwendet werden kann. Wer weiß, dass das Rote Kreuz in Bayern mehr als 3700 Container betreibt – im Landkreis Cham sind es 26 an neun Standorten – und auf diesem Weg fast 16.300 Tonnen Altkleider pro Jahr erhält, der bekommt eine Ahnung davon, weshalb der Leidens- und Handlungsdruck für die Hilfsorganisation so groß geworden ist.

Und da ist es für Oliver Schien, der seit 22 Jahren in der Branche tätig ist, auch nicht entscheidend, welche Bezeichnung für die wertvolle Ware im Jahr 2021 angebracht ist. „Ja, man kann heutzutage darüber reden, ob der Begriff Gebrauchttextilien besser ist als Altkleider“, sagt er und gibt an dieser Stelle Stefan Raab Recht.

Aber bei Fisch und Hausmüll im Container? „Da liegt es nicht an den Begrifflichkeiten – das ist einfach Missbrauch“, empört sich Schien, der seit geraumer Zeit beobachtet, dass die Gesellschaft „hier verroht und sich negativ entwickelt“. Ein schleichender Prozess sei das...

Bei diesem Thema helfen nur deutliche Worte

Der Textilrecycling-Experte aus dem hohen Norden ist ein Mann deutlicher, ehrlicher Worte. Einem „normal denkenden Bürger“, meint er, müsse klar sein, dass bei Abfall im Gebrauchtkleider-Container keine Wiederverwertung möglich sei und so etwas in die Mülltonne gehöre. Was das Rote Kreuz und sein Unternehmen FWS benötigen? „Ihr könnt das anliefern, was Ihr eurem Freund guten Gewissens als Sachspende übergeben könntet“, formuliert es Schien, der seit Jahren mit Stefan Raab und dem BRK Cham zusammenarbeitet.

Oder anders gesagt: „Die Leute unterstützen das Rote Kreuz mit gut erhaltener Gebrauchtkleidung – mit allem anderen schädigen sie es.“ In all dem macht der Bremer eine „Frage der Haltung“ aus; sich selbst, aber auch der Umwelt und den Mitmenschen gegenüber.

Stellvertretender BRK-Kreisgeschäftsführer Dominik Lommer zeigt es: Die Textilien gehören in möglichst reißfeste Plastiktüten.

Stichwort Mitmenschen! Für sie ist seit jeher ein Teil der Kleiderspenden aus den Containern vor Ort bestimmt. Gut erhaltene Ware, die darin oder bei Straßensammlungen anfällt, wird in den Kleiderkammern und -läden des BRK aufbereitet, verkauft oder an Bedürftige ausgegeben.

Auch von der weiteren Verarbeitungskette profitiert das Rote Kreuz. Was über den Bedarf in den Kreisverbänden hinausgeht, wird über Partnerfirmen wie die FWS weiterverwertet. Die Mittel daraus finanzieren ebenfalls die Arbeit der Ortsvereine und die satzungsgemäßen Aufgaben des Deutschen Roten Kreuzes.

„Wir sorgen mit dem DRK für eine nahezu 100-prozentige Verwertungsquote“, sagt Schien und skizziert den weiteren Weg der Textilspenden, die über Sammelstützpunkte und Spediteure überall in Deutschland abgeholt werden. Nach einer aufwändigen Vollsortierung, die immer noch per Hand geschieht und geschehen muss, teilt sich die Ware zu jeweils 50 Prozent in tragfähige, wiederverwendbare Bekleidung „und Textilien zur stofflichen Weiterverwertung“ auf.

Schien ruft in diesem Zusammenhang Studien in Erinnerung, nach denen sich etwa 70 Prozent der Weltbevölkerung mit gebrauchter Kleidung versorgen. Die Wäsche, die nicht mehr für diese Zwecke verwendet werden kann, wird zu Putzlappen (20 Prozent), Recyclingmaterial zur Herstellung von Reißtextilien (20 Prozent), Füll- und Dämmstoffen oder Material zur Ersatzbrennstoffproduktion (sechs Prozent) verarbeitet. Vier Prozent müssen über den Restmüll entsorgt werden.

Jeder Verbraucher hat heute 60 Prozent mehr Kleidung als 2000

Generell, diesen Trend bestätigt der Fachmann und BRK-Partner, hat das Aufkommen an gebrauchter Kleidung in den vergangenen Jahren extrem zugenommen. Schien nennt das Fast Fashion-Geschäftsmodell der Bekleidungsindustrie und merkt kritisch an: „Wir reden ja nicht nur von Altkleidern. Die Leute haben ja auch schon den Bezug zu ihrer Neukleidung verloren, weil sie zu billig ist“.

Der Prokurist der Firma FWS verweist an dieser Stelle auf das World Resources Institute und darauf, dass der Durchschnittsverbraucher heute 60 Prozent mehr Kleidungsstücke besitzt als im Jahr 2000. Dabei hat er sie nur noch halb so lang im Gebrauch.

„Wir reden ja nicht nur von Altkleidern. Die Leute haben ja auch schon den Bezug zu ihrer Neukleidung verloren, weil sie zu billig ist. Oliver Schien, Prokurist der Textilrecyclingfirma FWS GmbH

„Mit jedem Alttextil, das nach einer Sortierung wieder als markt- und tragfähiges Produkt genutzt wird, werden wichtige Ressourcen eingespart, die bei der Produktion von Neuware erforderlich sind“, heißt es dazu in einer Presseveröffentlichung der GmbH aus Bremen.

Die Textilindustrie sei heute größtenteils auf nicht erneuerbare Ressourcen angewiesen: „insgesamt 98 Millionen Tonnen pro Jahr – einschließlich Öl zur Herstellung von synthetischen Fasern, Düngemittel und Pestizide für den Baumwollanbau und Chemikalien zur Herstellung, Färbung und Veredelung von Fasern und Textilien“.

Die Textilproduktion inklusive des Baumwollanbaus verbrauche jährlich rund 93 Milliarden Kubikmeter Wasser. Das seien rund vier Prozent des globalen Frischwasserverbrauchs. Allein für die Herstellung eines handelsüblichen T-Shirts werden laut FWS bis zu 4400 Liter Wasser benötigt.

Hand in Hand für mehr Qualität bei der Gebrauchtkleider-Spende: Stellvertretender Kreisgeschäftsführer Dominik Lommer (links) und Referatsleiter Stefan Raab unterstützen die bayernweite Rot-Kreuz-Initiative. Bestes Wetter war nicht gerade beim Fototermin in der Chamer Tiergartenstraße. Aber im übertragenen Sinn könnte die Botschaft der Aufnahme lauten: "Lasst uns nicht im Regen stehen bei der Kleiderspende!"

Zahlen, die auch Stefan Raab nachdenklich stimmen und den Referatsleiter überzeugt sagen lassen: „Gebrauchtkleider zu sammeln – das bedeutet, aktiven Umweltschutz und einen Beitrag zur Nachhaltigkeit zu leisten.“

Auch im kleinen Cham könne etwas für die große Welt getan werden, meint er. Ganz nebenbei verweist er mit Blick auf die aktuelle BRK-Qualitätsoffensive auf eine besondere Serviceleistung, die der Kreisverband anbietet. „Wir holen die Kleiderspenden gerne auch direkt bei Bürgern zu Hause ab, die nicht mobil und körperlich eingeschränkt sind. Auch hier gilt der gegenseitige Vertrauensgrundsatz“, sagt Raab.