Für ihn kam in allen Ämtern immer „der Mensch vor der Vorschrift“

Wohin es ihn an diesem Donnerstag verschlagen sollte, das wusste Theo Zellner selbst lange nicht. „Meine Frau hat etwas vor mit mir. Ich weiß aber nicht, was es ist. Das heißt natürlich: Ich bin am 1. Februar nicht da“, sagte der BRK-Kreisvorsitzende vor wenigen Tagen lachend in einem Interview mit Pressesprecher Frank Betthausen. Der Anlass für das Gespräch: Zellners 75. Geburtstag! In der Unterhaltung blickte der Bad Kötztinger auf seine Posten in der Politik, in besonderer Weise aber auf sein Engagement beim Bayerischen Roten Kreuz zurück, dem er bis Ende 2021 als Präsident vorstand. Dabei fand der gebürtige Blaibacher auch nachdenkliche Worte über die Zeit. „Mein Leben bestand darin, von einem Termin zum anderen zu eilen. Da kam die Muße zu kurz."

Von Frank Betthausen

Theo, Dein 75. Geburtstag! Was bewegt dich ganz persönlich, wenn Du auf diesen Ehrentag schaust?

Theo Zellner: Eigentlich ist es erst einmal nur die Zahl, die einem auffällt. Ansonsten fühle ich mich nicht anders als sonst auch in all den Jahren. Ich fühle mich fit. Mir geht es gesundheitlich gut. Trotzdem ist der 75. Geburtstag natürlich ein Anlass, Dinge Revue passieren zu lassen. Man soll zwar im Jetzt leben, aber die Erinnerung gehört einfach dazu.

„Ich hatte das große Glück, dass ich bei jeder meiner Aufgaben mit Menschen zu tun hatte. Letztlich bewegt sich alles über die Menschen. Und beim Roten Kreuz ganz besonders!“ Theo Zellner, BRK-Kreisvorsitzender

Bei mir steht an diesem 1. Februar die Dankbarkeit im Vordergrund – für das, was ich in meinem bewegten Leben an Erfahrungen machen und wen ich kennenlernen durfte.

Ein Leben, das so sicher nur mit dem Rückhalt Deiner Familie möglich war...

Theo Zellner: Ja, ich bin meiner Frau Inge unendlich dankbar, dass ich sie an meiner Seite hatte und dass sie dieses Leben mitgegangen ist. Ich war ja im Grunde nie zu Hause. Und auch dass mein Sohn mit seiner Familie das alles mitgetragen hat und mich unterstützt hat – bei all den Prüfungen, die es in unserer kleinen Familie auch gab. Und ich bin bis zum heutigen Tag dankbar dafür, dass ich Aufgaben habe, die mir Freude machen. Gut gefallen hat mir immer der Spruch von Franz Josef Strauß: „Dankbar rückwärts, gläubig aufwärts und mutig vorwärts“. Wie gesagt: Ich fühle mich wohl und bin rundum zufrieden – und ich hoffe, dass das noch eine ganze Weile so bleibt. Ich freue mich über meine Familie und meine Enkel. Meine Frau und ich reisen und erleben das eine oder andere sehr intensiv, was früher so nicht möglich war, weil die Zeit dafür gefehlt hat.

Gibt es Dinge, die Du gerne anders gemacht hättest oder bereust?

Theo Zellner: Auf die Schnelle fällt mir da tatsächlich nichts ein. Manchmal hat man vielleicht das Gefühl gehabt, dass man dem einen oder anderen im Gespräch zu nahe getreten ist. Ich habe aber nie ein Problem damit gehabt, mich zu entschuldigen.

Und es bleibt sicher nicht aus, wenn das berufliche Leben so von Kontakten und anderen Menschen mitgeprägt wird, oder?

Theo Zellner: Ich bin in der Schule und zu Hause humanistisch erzogen worden. Menschen haben bei mir immer im Mittelpunkt gestanden. Ich hatte das große Glück, dass ich bei jeder meiner Aufgaben mit Menschen zu tun hatte. Letztlich bewegt sich alles über die Menschen – ob das in der Schule war, als Landrat oder in meiner Zeit als Sparkassen-Präsident. Und beim Roten Kreuz ganz besonders! Das ist für mich die Erfahrung überhaupt, was dort im Haupt- und im Ehrenamt geschieht. Wie sich Menschen in unserer Gesellschaft einbringen! Mein Prinzip war es immer, gemeinsam mit den Leuten etwas zu bewegen, ihnen aber auch immer das Gefühl zu geben: Das ist eure Leistung! Für mich kam immer der Mensch vor der Vorschrift. Natürlich gibt es Grenzen, aber das war mir doch immer eine der wichtigsten Leitlinien meines Wirkens.

Du wirst im gleichen Jahr 75 wie die Rot-Kreuz-Bereitschaft Rimbach. Eine wunderbare Brücke zum Ehrenamt und einem Deiner Herzensthemen.

Theo Zellner: Die Bereitschaft in Rimbach habe ich zum ersten Mal kennengelernt, als ich bei der Feuerwehr in Blaibach war und den Führerschein gemacht habe. Da gehörte ein Erste-Hilfe-Kurs dazu, über den ich die ersten Kontakte geknüpft habe. 1949 gegründet! So kurz nach dem Krieg… Dieses jahrzehntelange Engagement kann man nur mit Hochachtung erwähnen.

Du bist seit 1997 Kreisvorsitzender. Acht Wiederwahlen! Wenn Du auf diese Zeit zurückschaust: Wo hat sich dieser Kreisverband am meisten verändert?

Theo Zellner: Unser Kreisverband ist ein mittelständisches Unternehmen geworden. Das sieht man allein daran, wie sich die Mitarbeiterzahlen und unsere Etats entwickelt haben. Wir haben heute rund 700 hauptamtlich Beschäftigte! Über viele Jahre hinweg war neben dem Blaulichtbereich die Pflege ein großer Schwerpunkt unserer Arbeit – mit vielen Bauten, Investitionen, Erweiterungen und Sanierungen. Rückblickend sind in all der Zeit wirklich sehr viele erfolgreiche Baumaßnahmen abgewickelt worden. Zuletzt der neue Verwaltungssitz in der Further Straße und das neue Rettungszentrum in der Tiergartenstraße! Bei all dem konnten wir die Ambulanten Dienste und seit 2021 ganz erheblich den Kita-Bereich erweitern. Das macht richtig Freude, das zu erleben.

Und was ist konstant geblieben?

Theo Zellner: Wir haben bei all den Projekten nie vergessen, dass unsere Gemeinschaften immer eine entsprechende Ausstattung bekommen. Wir sind ein Fundament für soziale Gerechtigkeit und ein wichtiger Ansprechpartner für die Politik. Unsere Strukturen – das hat die Pandemie gezeigt – sind hervorragend aufgebaut. All das ist darauf zurückzuführen, dass wir ganz, ganz engagierte Mitarbeiter haben. Besonders auffällig ist bei uns dieses phänomenale Zusammenwirken aus Haupt- und Ehrenamt.

„Ich glaube, dass wir als Gesellschaft merken werden, dass wir unsere sehr hohen Ansprüche etwas zurückdrehen müssen. Wenn das passiert, werden Hilfsorganisationen noch mehr an Bedeutung gewinnen.“ Theo Zellner, BRK-Kreisvorsitzender

Bis hin zu unseren Vorstandsmitgliedern, die das alles überzeugt mittragen! Da macht es auch riesig Spaß, sonst könnte man über so eine lange Zeit hinweg gar nicht den ehrenamtlichen Vorsitzenden geben. Im Roten Kreuz mit dabei zu sein, bereitet einem Freude, auch wenn man in all der Zeit – gerade als BRK-Präsident – viel Schreckliches genauso sehen musste. Wenn man dann zugleich aber erleben darf, wie Hilfe funktioniert, wiegt das sehr viel auf.

Es gab quasi nie Stillstand beim BRK Cham. 

Theo Zellner: Nein. Und auch keine Austritte im großen Stil oder andere Probleme. Auch wenn zum Beispiel klar ist, dass sich das Ehrenamt verändert und wir künftig nicht mehr die Ehrenamtler haben werden, die sich von Jugend an bis ins hohe Alter einbringen. Wir werden sehr viel dafür tun müssen, dass wir Aktive für Aufgaben auf Zeit gewinnen.

Welches war in all den Jahren Dein schönster Rot-Kreuz-Moment? 

Theo Zellner: Bewegende Momente gab es viele. Ganz spontan denke ich da ans Jahr 2015 und die großen Flüchtlingsströme. Ich war als BRK-Präsident damals nachts in der Nähe von Wegscheid, als die ersten Menschen aus den Bussen ausgestiegen sind und in langen Schlangen näherkamen. Dort im Landkreis Passau – an der Grenze zu Österreich – haben diese globalen Geschehnisse für mich auf einmal buchstäblich Gesichter bekommen. Besonders gut in Erinnerung ist mir das kleine, glückliche Mädchen, das in dieser Aufnahmestelle für ein paar Augenblicke bei meiner Frau stand – das war ein berührender Moment. Das hinterlässt Spuren. Oder in der Pandemie nach Mitterteich zu kommen als BRK-Präsident, wo eine ganze Stadt gesperrt war, und dort mit der Bundeswehr unterwegs zu sein! Diese fast schon apokalyptischen Szenen haben mich auf der Heimfahrt sehr beschäftigt. Das ist gefühlt schon wieder so weit weg... Wenn man sich das überlegt: Wir konnten viele Helfer damals nur über Videos erreichen, um ihnen zu signalisieren: Es wird gesehen und anerkannt, was ihr leistet!

Und die bewegenden Momente im Landkreis Cham? 

Theo Zellner: Da gab es ebenfalls viele große und kleine, teils persönliche Momente. Was wunderbar war: An unserer Tagespflege in Arrach, die direkt an den Kindergarten grenzt, zu sehen, wie die alten Menschen auf die unbekümmerten Mädchen und Jungen treffen und glücklich sind. Das war immer wieder schön, so etwas zu erleben. Oder in Lam mit der Bergwacht am Osser vor der Hütte zu sitzen – das hat etwas. Mit der Wasserwacht auf einem Boot unterwegs zu sein! Bei Ehrungen die Vita eines Einzelnen zu lesen. Das ist erhebend, was manche Menschen leisten!

Wo siehst Du den Kreisverband in zehn Jahren? 

Theo Zellner: Unser Kreisverband ist für die Zukunft gut aufgestellt. Wir sind in der Lage, notwendige Strukturen mit Augenmaß zu schaffen. Wir müssen das auch tun. Denn wenn so viele Leute im Haupt- und im Ehrenamt unterwegs sind, ist es unsere Aufgabe, dafür die Rahmenbedingungen vorzuhalten. Das betrifft Gebäude genauso wie Fahrzeuge. Ich denke, da ist für die Zukunft noch einiges zu tun.

Wo etwa? 

Theo Zellner: Wir sind zurzeit dabei, das Grundstück mit dem Altbau am neuen Rettungszentrum in Cham in die Zukunft zu führen. Der Kreisvorstand hat ja Ende vergangenen Jahres den Abriss des Gebäudes beschlossen. Dort sollen zeitgemäße Unterbringungsmöglichkeiten sowie Stellplätze für Lastwagen, Anhänger und Gespanne aus dem Katastrophenschutz-Bereich geschaffen werden. Wir müssen den Leuten im Roten Kreuz einfach immer wieder das Gefühl geben, dass sie unterstützt werden. Vor diesem Hintergrund sehe ich all diese Pläne.

Stichwort Hintergrund! Wie schätzt Du mit Blick auf die nächsten zehn Jahre die gesellschaftliche Entwicklung ein? 

Theo Zellner: Ich glaube, dass wir als Gesellschaft merken werden, dass wir unsere sehr hohen Ansprüche etwas zurückdrehen müssen. Wenn das passiert, werden Hilfsorganisationen noch mehr an Bedeutung gewinnen. Die Kosten und die Situation im Gesundheitswesen werden in meinen Augen eher mehr als weniger Rettungsdienst erfordern. Man wird nicht mehr überall jede Leistung anbieten können in den Krankenhäusern. Da kommt dem Roten Kreuz eine hohe Bedeutung zu. Die Politik muss aber bereit sein, dafür die Voraussetzungen zu schaffen. Wir können als Rotes Kreuz nur helfen, wenn wir dafür die Mittel haben und die Politik für die Daseinsvorsorge eintritt. Das gilt auch für das Thema Pflege. Wir müssen uns einfach überlegen: Was ist uns dieser steigende Bedarf, was ist uns diese Alterspyramide wert? Wobei es nicht nur ums Geld gehen muss, sondern auch um die Arbeitsbedingungen. Die Pflege wird das Megathema der Zukunft sein. Und, ja, die Politik muss sich einfach wieder auf die wichtigen Dinge konzentrieren.

Du sagst, Du fühlst dich fit. Nächstes Jahr endet Deine Amtszeit als Kreisvorsitzender. Wie hast Du dich sortiert über das Jahr 2025 hinaus? 

Theo Zellner: Ich habe das Glück, dass ich heute mehr denn je Dinge machen kann, die mir Freude bereiten. Ich sehe noch einige Aufgaben. Nächstes Jahr stehen wieder Wahlen an. Wenn ich fit bleibe, erkenne ich da durchaus noch eine Aufgabe. Ich möchte aber nicht mehr planen. Denn wenn ich wieder anfange, Dinge durchzutakten, gerate ich zurück in die Mühle, in der ich mein ganzes Leben lang war.

„Das, was ich ehrenamtlich mache im Roten Kreuz, macht Freude – und das vor allem, weil ich mit Menschen zu tun habe, auf die ich mich verlassen kann und die einen unglaublichen Einsatz bringen.“ Theo Zellner, BRK-Kreisvorsitzender

Ich denke mir mit Blick auf den 75. Geburtstag nämlich schon: Wo ist nur die Zeit hingegangen? Mein Leben bestand darin, von einem Termin zum anderen zu eilen. Da kam die Muße zu kurz. Ich lese für mein Leben gern, ich kann mich auch in meiner Freizeit gut beschäftigen. Von daher möchte ich jetzt eigentlich nicht wieder planen. Ich kann nur feststellen: Das, was ich ehrenamtlich mache im Roten Kreuz, macht Freude – und das vor allem, weil ich mit Menschen zu tun habe, auf die ich mich verlassen kann und die einen unglaublichen Einsatz bringen. Wir werden sehen, was 2025 bringt.

Was ist Dein persönlicher Geburtstagswunsch für Dich, aber auch für das Rote Kreuz? 

Theo Zellner: Fürs Rote Kreuz hoffe ich, dass wir auch in Zukunft genügend Menschen finden, die bereit sind, sich ehrenamtlich einzubringen. Dieses Thema hat mich immer begleitet – und da muss auch viel nachgedacht werden, wie man das Ehrenamt stärkt. Wobei es nicht nur ums Stärken geht, sondern auch darum, die Motivation zu fördern. Ich selbst wünsche mir, dass ich gesund bleibe und mir das Interesse an den Dingen erhalten kann.

Wo und wie feierst Du? 

Theo Zellner: Meine Frau hat etwas vor mit mir. Ich weiß aber nicht, was es ist. Das heißt natürlich: Ich bin am 1. Februar nicht da (lacht).
 

Zur Person: Theo Zellner

Ehrenämter: „Das Rote Kreuz hat mich schon immer geerdet“, sagt Theo Zellner, der am 1. Februar 1949 in Blaibach zur Welt kam. „Gefühlt“ sei er schon immer beim BRK gewesen – von Jugend an, als die ersten Wasserwacht-Gruppen in der Region entstanden seien. Als Vorsitzender des Kreisverbands Cham ist er seit 1997 in Amt und Würden. Von 2013 bis Ende 2021 fungierte er als Präsident der Hilfsorganisation im Freistaat.

Studium: Theo Zellner, der 1968 am Fraunhofer-Gymnasium in Cham Abitur gemacht hatte, hat eine bewegte Karriere mit einer Reihe an einflussreichen Positionen hinter sich. Nach seinem Studium der Betriebswirtschaft und der Pädagogik in Regensburg war er als Volksschullehrer tätig, ehe ihn die Bad Kötztinger 1989 als Kandidat der CSU erstmals zu ihrem Bürgermeister wählten.

Politik: Im Mai 1996 beerbte er Ernst Girmindl als Landrat des Landkreises Cham – eine Führungsrolle, die ihn im Jahr 2000 auch an die Spitze des Bayerischen Landkreistages führte. Außerdem agierte er als Vizepräsident des Deutschen Landkreistages. Seine politischen Funktionen gab er ab, als er Anfang 2010 zum Präsidenten des Sparkassenverbandes Bayern gewählt wurde. Den Posten hatte er bis 2014 inne.

Ehrungen: Theo Zellner, der sich neben dem Engagement fürs BRK bis heute ehrenamtlich im Caritas-Rat in Regensburg einsetzt, freute sich über eine Fülle an Auszeichnungen. Darunter sind das Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, der Bayerische Verdienstorden, der Bayerische Verfassungsorden und die Universitätsmedaille Bene Merenti der Hochschule in Regensburg.