
Nikolaus Scherr, den seit jeher alle nur Klaus rufen, hat beim BRK-Kreisverband Cham ganze Mitarbeiter-Generationen im Rettungs- und Sanitätsdienst begleitet. Nach seiner letzten Schicht und fast 40 Jahren hauptamtlicher Tätigkeit sagten ihm seine Wegbegleiter Mitte April in Waldmünchen „Pfiat di“. Für seinen neuen Lebensabschnitt hat der 64-Jährige, der sich in seiner Heimatgemeinde Tiefenbach lange kommunalpolitisch engagierte, große Pläne.
Von Frank Betthausen
Tiefenbach. Klaus Scherr ist kein Mensch, dem Prunk je wichtig gewesen wäre. Gott bewahre! Dafür ist er zu bodenständig und bescheiden. Eine Form von „Luxus“, die in seinem Leben Einzug gehalten hat, weiß er seit kurzem trotzdem sehr zu schätzen…
Früher musste er als Notfallsanitäter um 5 Uhr zum Tagdienst aufstehen. Seit Mitte April, seit seinem Abschied aus dem Rettungsdienst und dem Wechsel in den Ruhestand, darf es gerne einmal ein wenig später sein. „Ich genieße das schon, zu sagen: Ich schaue mal, wann ich ohne Wecker wach werde. Vorausgesetzt, ich habe keine Termine“, sagt der 64-Jährige.
Verübeln wird das dem Chamer Rot-Kreuz-Urgestein nach fast 40 Jahren, in denen Scherr für andere da war, niemand. Auch wenn es dem einen oder anderen immer noch schwerfällt, sich den Rettungsdienst beim BRK ohne den Tiefenbacher vorzustellen – insbesondere in Waldmünchen, wo er seit 2009 fest im Einsatz war…
Wie hart es für ihn war, nach seiner letzten Schicht die Tür zum Rettungswagen zu schließen? Klaus wäre nicht er selbst, wenn er an dieser Stelle im Abschieds-Interview mit der BRK-Pressestelle nicht sein oft gezeigtes, verschmitztes Lächeln aufsetzen würde. Ab seinem 60. Geburtstag, gesteht er, habe er begonnen, intensiver in seine jährliche Renten-Information zu schauen. „Ab diesem Alter habe ich gespürt, dass ich mich nicht mehr ganz so leichttue. Man sollte doch einigermaßen fit sein in diesem Beruf“, meint er.
Rettungsdienst – da steckt das Wort schon drin: Dienst!
Klaus Scherr
So überwog, bei aller Freude an seinem Job, irgendwann die Absicht, das lange Rettungsdienst-Kapitel zu schließen – erst recht, da er immer wieder Patienten in seinem Alter zu betreuen und zu fahren hatte. „Du weißt nicht, was noch daherkommt…“, sagte er sich nach diesen Erfahrungen und beschloss mit einer gewissen Nachdenklichkeit, „zum frühestmöglichen Zeitpunkt“ einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen.
Ganz ohne die Tätigkeit, die Jahrzehnte seinen Alltag bestimmte, kann er trotzdem nicht sein. So hat er den Verantwortlichen der Helfer vor Ort (HvO) in Tiefenbach – das BRK unterhält dort eine Kooperation mit den Maltesern – versprochen, künftig die eine oder andere Schicht mehr zu übernehmen. Und: Er bleibt dem Kreisverband als Erste-Hilfe-Lehrkraft erhalten.
Ein familiäres Miteinander
Scherr ist halt Rotkreuzler durch und durch. „Rettungsdienst – da steckt das Wort schon drin: Dienst!“, sagt er. Ja, Dienst am Menschen zu leisten, das sei immer seine Devise gewesen. Der Kontakt zu den Bürgern, das Gefühl, helfen zu können, das familiäre Miteinander beim BRK – das hat für ihn den Reiz ausgemacht.
Wie du in den Wald hineinrufst… So verwundert es wenig, dass ihn auch seine Kollegen nicht einfach ziehen lassen wollten und ihn schon bei seiner Abschiedsfeier fragten, wann er ehrenamtlich seine erste Schicht übernehmen wolle. „Ich wollte aber bewusst erst einmal Pause machen und schauen, ob ich Entzugserscheinungen bekomme“, sagt Scherr und lächelt schelmisch.
Was ihm bei all dem bewusst ist und was er in seine Entscheidung, ob er heuer nicht doch wieder einen Rettungswagen besteigt, mit einfließen lassen möchte: Die Anforderungen werden höher und höher, die Technik entwickelt sich rasant weiter. Wer zu lang raus sei aus dem Geschäft, komme schnell aus der Übung.

Der Tiefenbacher hat diese Erfahrung, daher der realistische Blick, mehrfach selbst gemacht – allerdings unter sehr schönen, erfreulichen Umständen. Scherr hat mit seiner Frau Petra vier Kinder: die Töchter Lisa, Viola und Elena sowie Sohn Elias. Nach allen Geburten nahm er sich Erziehungsurlaub – im Fall der beiden Jüngsten sogar jeweils zwei Jahre.
„Das habe ich sehr genossen – auch wenn die älteren Damen zu dieser Zeit noch ganz schön geschaut haben, wenn ich den Kinderwagen durchs Dorf geschoben habe. Aber das war mir egal. Ich würde das jederzeit wieder machen“, sagt er.
Trotzdem räumt er ein, dass 24 Monate eine lange Zeit gewesen seien, weshalb er damals nach einem Jahr ehrenamtlich wieder ein paar Schichten im Rettungsdienst übernommen habe.
Der Weg zu seinem Traumjob, den er bis zum Schluss mit stiller, unaufgeregter Leidenschaft ausübte, war kein direkter. Scherrs Vater hatte einen Bauernhof mit 30 Tagwerk (zehn Hektar) Land im Rötzer Stadtteil Heinrichskirchen. Als Drittältester wuchs Klaus dort mit zwei Brüdern und einer Schwester auf.
Er kehrte dem Hof den Rücken
Nach dem Hauptschul-Abschluss wollte er Elektriker werden. Da in der Nähe jedoch keine Lehrstelle frei war, besuchte er drei Jahre lang die landwirtschaftliche Berufsschule, um den Hof des Vaters übernehmen zu können.
Recht bald kristallisierte sich für den jungen Mann aber heraus, dass er von der Landwirtschaft allein auf Dauer nicht hätte leben können. Bei der Größe des Betriebs hätte er zusätzlich arbeiten gehen müssen – eine Doppelbelastung, die er so nicht für sich wollte.
Dazu kam, dass er in dieser Lebensphase seine spätere Frau kennenlernte, deren Zukunft quasi vorbestimmt war. Sie sollte das Geschäft ihrer Mutter, den alteingesessenen Edeka-Laden in Tiefenbach, übernehmen und konnte nicht ohne Weiteres von zu Hause weg.
Da war ich dann doch etwas stolz.
Klaus Scherr über seinen ersten Einzug in den Gemeinderat
Ihr mittlerweile verstorbener Schwager Ernst Troppmann lenkte Scherr endgültig in eine andere Richtung. Er war hauptamtlich beim Roten Kreuz in Oberviechtach tätig und sagte trocken zu ihm: „Was doustn du im Winter? Gor nix, oder? Liegst bloß aufm Kanapee! Kannst doch mal beim Roten Kreuz vorbeischauen!“
So sei er 1986 ehrenamtlich in die Hilfsorganisation hineingeschlittert, erinnert sich der frisch gebackene Ruheständler. „Damals gab es nur die 520-Stunden-Ausbildung für den Rettungssanitäter. Das war noch keine Berufsausbildung, ich wurde einfach angelernt. Drei Jahre später bekam ich eine Festanstellung“, erzählt Scherr.
Sein zweitältester Bruder erklärte sich – eine glückliche Fügung – als Landmaschinen-Mechaniker bereit, nach ein paar Abendkursen den Hof der Familie, die Mutter war früh gestorben, weiterzubetreiben.
Er erlangte schnell Ansehen
Klaus selbst zog zu seiner künftigen Gattin, die ab 1995 den kleinen Supermarkt in ihrer Heimatgemeinde führte. Durch seine ehrliche Art, auf Menschen zuzugehen, durch seine Arbeit im Rettungsdienst und seine Tätigkeit als Erste-Hilfe-Ausbilder beim BRK erlangte er als Zugezogener bald mehr Ansehen, als er selbst für möglich gehalten hätte.
Das zeigte sich in besonderer Weise in der Kommunalpolitik. 24 Jahre lang – bis zum 1. Mai 2026 – wirkte er als Gemeinderat für die Christliche Freie Wählergemeinschaft (CFW). Über zwei Wahlperioden hinweg – ab 2014 – bekleidete er das Amt des 3. Bürgermeisters.
Als ihn der damalige Bürgermeister Johann Müller zu Beginn seines kommunalpolitischen Wirkens um den Jahreswechsel 2001/2002 herum fragte, ob er seinen Namen auf die Kandidatenliste setzen dürfe, hatte Scherr keinerlei Ambitionen, gewählt zu werden.
Aber: Er unterschätzte seine Bekanntheit und zog in das Ratsgremium ein. „Da war ich dann doch etwas stolz“, erzählt er.

Als Jugendbeauftragter war er maßgeblich mitverantwortlich für das Ferienprogramm der Kommune. Darüber hinaus machte er sich einen Namen als Berichterstatter der örtlichen Zeitungen, als 2. Vorsitzender der Feuerwehr Tiefenbach und Gesundheitsbotschafter.
Außerdem war er bei der Katholischen Landvolk Bewegung aktiv – auf Orts- genauso wie auf Kreisebene.
In alter Verbundenheit zu seinem Heimatort hielt er über lange Zeit hinweg der Krieger- und Soldatenkameradschaft Heinrichskirchen die Treue. „Ich wollte immer schon die Vereine bei mir daheim unterstützen“, sagt er.
Von der Yamaha zur BMW
Zeit für echte Hobbys blieb bei so viel Engagement für die Allgemeinheit kaum. In seiner Schulzeit spielte Scherr Fußball – und hin und wieder steigt er heute auf sein E-Bike. „Alles in allem ist der Sport aber ziemlich an mir vorbeigegangen“, sagt er und lacht.
„A bissl Schafkopf spielen im Wirtshaus“, ja, dafür habe er sich erwärmen können – und fürs Motorradfahren. Mit seinen Brüdern teilte er sich einst eine Yamaha. Als er 1989 fest beim BRK in Cham anfing, kaufte er sich eine BMW. Nach einem „Schlenkerer“ in den Straßengraben fuhr er die Maschine weiter bis zu einem kapitalen Motorschaden, danach stand sie zehn Jahre bei ihm in der Garage…
Als ihn die Lust auf Asphalt und das besondere Gefühl von Freiheit erneut richtig packte, legte er sich eine Suzuki zu, mit der er 2020 einen Unfall in Tschechien hatte. Entgegen dem Wunsch seiner Frau („Ich wollte halt einfach noch ein paar Jahre fahren“) holte er sich nach dem Crash eine Yamaha nach Hause.
Da bleibt vielleicht doch etwas hängen. Das wäre ein schönes Hobby.
Klaus Scherr über die Imkerei
Mit dem schnittigen Gefährt hat er größere Pläne für den Ruhestand. Zusätzlich zu einer Reihe „normaler“ Motorrad-Ausflüge, die ihm vorschweben, denkt er intensiv darüber nach, einmal rund um Deutschland zu fahren. „Das würde ich tatsächlich gerne machen.“
Überhaupt möchte er mehr auf Reisen gehen – zusammen mit seiner Petra, die kurz vor seinem Abschied beim Roten Kreuz ebenfalls in Rente gegangen war und ihren Edeka-Markt geschlossen hatte.
Und: Der 64-Jährige möchte in die Welt der Bienen zurückkehren. Sein Vater habe in guten Zeiten 50, 60 Völker gehabt, erinnert er sich. Als ihn die Arbeit mehr und mehr Kraft kostete, gingen ihm seine Kinder bei der Imkerei zur Hand.
„Da bleibt vielleicht doch etwas hängen“, sagt Scherr, der im vergangenen Jahr spontan einen Vortragsabend für Neu-Imker besuchte und heuer mit zwei Völkern durchstarten möchte. „Das wäre ein schönes Hobby.“
Ein bodenständiges noch dazu! Eines, an dem sich zeigt: Klaus Scherr braucht keinen „Prunk“, ihm reichen die kleinen Dinge und eine bescheidene Form von „Luxus“ zum Glück…

