Katastrophenschutz: Tobias Muhr fordert "ein großes Umdenken"Katastrophenschutz: Tobias Muhr fordert "ein großes Umdenken"

Katastrophenschutz: Tobias Muhr fordert "ein großes Umdenken"

Beim Besuch der Grünen-Bundestagsabgeordneten Tina Winklmann in der Kreisgeschäftsstelle findet der BRK-Katastrophenschutzleiter nach fordernden Pandemie-Monaten und mit Blick auf die Kampfhandlungen in der Ukraine deutliche Worte. Dass der Landkreis Cham in puncto Katastrophenschutz gut aufgestellt sei, liegt laut Tobias Muhr „nicht am Bund, sondern an uns selbst und daran, dass wir Geld in die Hand genommen haben für Ausstattung und unseren Fuhrpark“. Auch Kreisvorsitzender Theo Zellner fordert: „Der Katastrophenschutz braucht eine andere Wertung.“ Projektleiter Manfred Maurer schildert der Politikerin bei dem Gespräch in Cham, welche Hürden der Grenzüberschreitende Rettungsdienst noch vor sich hat - und Kreisgeschäftsführer Manfred Aschenbrenner stellt ihr die Idee eines neuen Berufsbilds vor, das nach der Corona-Zeit die Pflege voranbringen soll.

Von Frank Betthausen

Cham. Seit 20 Jahren engagiert sich Tobias Muhr im Katastrophenschutz. Mit seinem Fachwissen hat sich der Chamer, der den Aufgabenbereich beim BRK-Kreisverband leitet, weit über Bayerns Grenzen hinaus einen Namen gemacht. Hebt einer wie er als Mann der Praxis mahnend den Zeigefinger, hat das doppelte Signalwirkung. Muhr ist ein Macher im Hintergrund – und keiner, der seine Anliegen kamerawirksam auf den Marktplatz der Öffentlichkeit hinausschreit. Am Montag allerdings fand er nach zwei Jahren Pandemie und den seit Wochen andauernden Kämpfen in der Ukraine deutliche Worte zu dem Aufgabengebiet, das er seit 2020 im Dauerkrisenmodus verantwortet.

„Den Katastrophenschutz in Deutschland halten wir aufrecht – und zwar im ganz Kleinen.“ BRK-Katastrophenschutzleiter Tobias Muhr

Bei der Visite der Bundestagsabgeordneten Tina Winklmann (Bündnis90/Die Grünen) beim BRK-Kreisverband in Cham forderte er vom Bund: „Wir brauchen ein großes Umdenken.“ Seine Aussage bezog er auf „dringend benötigtes Material“ genauso wie auf moderne Fahrzeuge, deren Anschaffung sich oft über Jahre hinziehe.

„Den Katastrophenschutz in Deutschland halten wir aufrecht – und zwar im ganz Kleinen“, hielt Muhr kritisch fest. Der Landkreis, zeigte er der Grünen-Vertreterin bei ihrem Antrittsbesuch in der BRK-Kreisgeschäftsstelle auf, sei in diesem Punkt sehr gut aufgestellt.

„Das liegt aber nicht am Bund, sondern an uns selbst und daran, dass wir Geld in die Hand genommen haben für Ausstattung und unseren Fuhrpark“, erklärte Muhr und sprach damit Theo Zellner aus der Seele. „Nach der Wende haben wir in Deutschland in einer Euphorie alles abgebaut, was an Bevorratung  vorhanden war“, legte der BRK-Kreisvorsitzende den Finger in die Wunde.

Die Pandemie zeigte Entwicklungen "brutal auf"

„Brutal gezeigt“ habe sich das zu Beginn der Pandemie etwa bei den fehlenden Schutzanzügen für Pflege- und Rettungskräfte. „Wir ringen mehr oder weniger um jedes Fahrzeug. Der Katastrophenschutz braucht eine andere Wertung“, sagte Zellner, der diese Aussage bewusst auch auf die Flüchtlingsbewegungen der Jahre 2015/2016 und der vergangenen Wochen bezogen wissen wollte.

Der Katastrophenschutz, appellierte Tobias Muhr in diesem Zusammenhang an die Bundespolitik, müsse flächendeckend ausgerollt sein und dürfe sich nicht nur – wie in früheren Jahren – auf die Städte und Ballungsräume konzentrieren. So, wie es ganz grundsätzlich Zeit zum Handeln sei – beispielsweise in puncto Terrorgefahr, die seit Jahren offen thematisiert werde. „Irgendwann muss man aufhören, darüber zu sprechen und muss es auch umsetzen“, trat Muhr für entsprechende Strukturen im Katastrophenschutz ein.

Tina Winklmann pflichtete den BRK-Vertretern während des etwa eineinhalbstündigen Austauschs bei und versprach, das Thema mit in die Ausschussarbeit in Berlin nehmen zu wollen. Der Katastrophenschutz sei sträflich vernachlässigt worden, meinte sie.

Tobias Muhr schilderte der Grünen-Bezirksvorsitzenden aus Wackersdorf, die seit September den Bundestagswahlkreis Schwandorf vertritt, am Montag darüber hinaus, wie in der Mehrzahl ehrenamtliche Aktive des BRK seit einem Monat in der Ukraine-Krise Hilfe leisten. So kümmern sich nach seinen Schilderungen am Bahnhof in Furth im Wald seit 1. März Bereitschaftsmitglieder 15 Stunden pro Tag um die Betreuung ukrainischer Vertriebener.

Zwei große Notunterkünfte

Auf dem Höhepunkt seien zwischen 300 und 370 Menschen pro Tag auf der Durchreise zu versorgen gewesen. Außerdem errichteten Muhrs Teams zwei große Notunterkünfte mit 280 Betten in der Region. „Es ist zum Teil dramatisch, was man erlebt“, beschrieb Muhr der Abgeordneten seine Begegnungen mit den von der Flucht gezeichneten Menschen – darunter „sehr viele Frauen, Kleinkinder und Kinder“.

Die durchschnittliche Verweildauer in den Notunterkünften, berichtete er weiter, liege aktuell bei drei Tagen. „Die Wohnungsangebote an den Landkreis und das Landratsamt sind sehr zahlreich – und die Solidarität, jemanden aufzunehmen, ist sehr groß“, sagte Muhr, der der Bevölkerung für ihre enorme Unterstützung dankte. Wie Theo Zellner nutzte er jedoch die Gelegenheit, die Bürger noch einmal darum zu bitten, die Abgabe von Hilfsgütern mit dem Roten Kreuz abzustimmen und in diesen Zeiten eher Geldspenden zu tätigen.

„Das gezielte Helfen ist von ganz zentraler Bedeutung“, erklärte der Kreisvorsitzende, mit dem Winklmann bei diesem Thema ebenfalls auf einer Wellenlänge lag. „Es muss koordiniert laufen“, bekräftigte sie. Mit Wildwuchs sei niemandem geholfen. An Muhr und seine ehrenamtlichen Aktiven richtete sie „ein ganz dickes Danke“ für das Engagement in diesen Zeiten. „Sie sind schon fast wie die Feuerwehr und löschen, wo Sie können“, stellte die Wackersdorferin heraus, die im Bundestag sportpolitische Sprecherin ihrer Fraktion ist und sich in dieser Funktion dem Thema Ehrenamt nach eigenen Angaben nahe sieht.

„Sie sind schon fast wie die Feuerwehr und löschen, wo Sie können. Bundestagsabgeordnete Tina Winklmann

Theo Zellner unterstrich, wie dringend das BRK auf die Zuarbeit aus den Gemeinschaften angewiesen sei. „Wie viele Hauptamtliche bei uns auch ehrenamtlich Dienst leisten – das ist wirklich unglaublich“, hielt der frühere BRK-Präsident fest.

Breiteren Raum nahm bei dem Treffen ferner die Arbeit des Kompetenz- und Koordinierungszentrums für den grenzüberschreitenden Rettungsdienst (Gü-RD) zwischen Bayern und der Tschechischen Republik ein, die Projektleiter Manfred Maurer von Furth im Wald aus verantwortet. Partner des Interreg-Projekts, das zum 31. Dezember ausläuft, sind das BRK mit dem Kreisverband Cham und der Landesgeschäftsstelle in München sowie der Rettungsdienst Pilsen.

Viele juristische Hürden

Maurer skizzierte der Grünen-Vertreterin die von vielen juristischen Hürden geprägten Bemühungen, an der 357 Kilometer langen Grenze in seinem Zuständigkeitsgebiet seit 2016 ein länderübergreifendes System der Hilfe zu etablieren. „Wir haben es geschafft, dass kein Patient mehr an der Grenze von einem Rettungswagen in den anderen umgeladen wird“, sagte er. Allerdings spreche man im Moment nur von der Notfallrettung und noch nicht von Krankentransporten. „Das liegt noch in ferner Zukunft“, gab sich Maurer realistisch.

Eine seiner Hauptstoßrichtungen sei es in der Vergangenheit gewesen, mit Wertschätzung auf die tschechische Seite zuzugehen; ganz nach dem Motto „Ihr habt ein System, das funktioniert, wir haben ein System, das funktioniert – lasst uns doch schauen, was wir gemeinsam besser machen können“. Die Zusammenarbeit, hielt der Projektleiter fest, sei heute längst das geringste Problem. „Aber wir brauchen langfristig die juristische Grundlage“, meinte er.

In die Überarbeitung der Rahmenverträge sei das Kompetenz- und Koordinierungszentrum eingebunden. „Das Vertragswerk liegt aktuell in Berlin“, ließ er die Bundespolitikerin wissen, während Theo Zellner darauf pochte, dass sich das Projekt Gü-RD mit dem Auslaufen der Förderperiode Ende 2022 über die Kostenträger, „sprich die Kassen“, verselbstständigen müsse. „Da sind wir mittendrin in der Diskussion“, zeigte er Winklmann auf.

„Wir haben es geschafft, dass kein Patient mehr an der Grenze von einem Rettungswagen in den anderen umgeladen wird.“ Manfred Maurer, Projektleiter Grenzüberschreitender Rettungsdienst

Kreisgeschäftsführer Manfred Aschenbrenner umriss bei der Zusammenkunft in der BRK-Geschäftsstelle ein innovatives Vorhaben, das die Pflege in der Pandemie-Nachbereitung ein großes Stück voranbringen könnte. Zusammen mit der Technischen Hochschule (TH) Deggendorf und Professor Dr. Stephan Gronwald arbeitet das Rote Kreuz in Cham daran, sein 2019 mit dem Bayerischen Präventionspreis ausgezeichnetes Betriebliches Gesundheitsmanagement in der Pflege weiterzuentwickeln und entscheidend auf den Erfahrungen der ersten beiden Corona-Jahre aufzubauen.

Ziel ist ein neues Berufsbild

Mittel- bis langfristiges Ziel ist es, wissenschaftlich begleitet von der TH, ein neues Berufsbild zu etablieren, das die Pflegekräfte vor Ort von berufsfremden Tätigkeiten entlasten soll. Der Prozessberater für Betriebliches Gesundheitsmanagement, den Aschenbrenner über Pflegeschlüssel dauerhaft im Gesundheitswesen verankern will, wäre – wie etwa Gerontofachkräfte oder Praxisanleiter – eine eigenständige Fachqualifikation in der Pflege.

Wie der Kreisgeschäftsführer dem Gast aus dem Nachbarlandkreis weiter verdeutlichte, sollen in die neue Funktion sämtliche Erfahrungen der Pandemie einfließen. „Wir haben ein Tal der Tränen durchschreiten müssen und haben einen ganz anderen Blickwinkel auf Themen bekommen“, führte er aus. Corona sei wie „eine Quergrätsche“ gewesen. „Wir haben gesehen, dass sich in der Pflege etwas ändern muss“, sagte Aschenbrenner.

Das beginnt für ihn beim Umgang mit der persönlichen Schutzausrüstung während eines größeren Ausbruchsgeschehens, setzt sich über die Auseinandersetzung mit Long-Covid fort und hört bei Pandemieplänen, Test- sowie Impfkonzepten und der architektonischen Planung künftiger Pflegeheime auf.

Corona habe die Verantwortlichen gelehrt, dass ein Virus nur schwer zu kontrollieren und nicht auf eine Quarantäne-Station zu begrenzen sei, wenn es Aufzüge oder Treppenhäuser gebe, über die sich die Infektion in der gesamten Einrichtung weiterverbreiten könne.

Das gemeinsame Projekt aus Cham und Deggendorf hat bereits überregionale Aufmerksamkeit erregt – bis hinauf zur Präsidentin des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), Gerda Hasselfeldt. Ende April wird der BRK-Kreisgeschäftsführer die Ideen für das DRK bei der Fachmesse Altenpflege 2022 in Essen einer breiten Öffentlichkeit präsentieren.

"Wir müssen dicke Bretter weiterbohren"

Die Finanzierung der Ausbildung sei zum Teil bereits gesichert, erläuterte Aschenbrenner. „Wir müssen dennoch dicke Bretter weiterbohren“, meinte er, sah in der Vision aus Cham und Deggendorf aber „eine der mutigen Ideen“, die in der Politik immer wieder von der Pflege gefordert würden.

Tina Winklmann sicherte ihm ihre Unterstützung zu und befand: „Genau solche Geschichten sind es, die uns helfen“. Es sei die Zeit, zu handeln und in der Pflege Schlüsse aus der Pandemie zu ziehen, meinte sie. „Jetzt müssen wir Dinge ändern – wir haben gar keine andere Wahl.“